Die Schatzkiste Tirols  

Die Schatzkiste Tirols

 

Das Sammlungs- und Forschungszentrum (SFZ) in Hall

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Die Schatzkiste Tirols


Das Sammlungs- und Forschungszentrum in Hall setzt neue Maßstäbe in der Museumsarbeit

„Mit dem SFZ entsteht ein neues Kompetenz-Zentrum, welches das interdisziplinäre Forschen forciert.“ Das SFZ wurde auf dem Areal des ehemaligen „Landesbauernhofes“ in Hall in Tirol errichtet. Selbstbewusst und unverrückbar wie ein gewaltiger Monolith steht das Sammlungs- und Forschungszentrum (SFZ) inmitten der Tiroler Landschaft. Nach knapp zweieinhalb Jahren Bauzeit inklusive einer mehrmonatigen Probebetriebsphase wurde am 8. September 2017 eines der aktuell größten Hochbauprojekte des Landes Tirol im September feierlich in Betrieb genommen.

Was ist bitte ein „Sammlungs- und Forschungszentrum“?

 

Das wurde ich in den letzten 24 Monaten immer wieder gefragt. Irrtümlichen Assoziationen mit einem „Sammelzentrum“, der Abgabestelle für Sperrmüll und Problemstoffe, konnte ich mit der Ergänzung des Begriffs „Depot“ rasch entgegenwirken. Die Funktion des Neubaus, kurz als „SFZ“ bezeichnet, geht aber weit über diese Aufgabe hinaus. Das Gebäude bietet auf 7.800 m² eine Lagerfläche für alle Objekte, die die Tiroler Landesmuseen verwalten und aktuell nicht in ihren Häusern ausgestellt sind. Darüber hinaus stehen weitere 3.000 m² für Werkstätten, Labors und Büroräume zur Verfügung.

Lagerung und Forschung unter einem Dach.

 

Der mehrere Millionen Objekte umfassende Sammlungsbestand der Tiroler Landesmuseen war bislang an acht verschiedenen Standorten, quer über Innsbruck verteilt, untergebracht. Für Neuzugänge war dort so gut wie kein Platz mehr. Um die Logistik zu optimieren, Betriebskosten zu sparen und neue Ausstellungsflächen im Ferdinandeum zu schaffen, entschied sich das Land Tirol für diesen Neubau. Neben dem Bewahren sollte das Gebäude aber auch dem Forschen, einem weiteren Ausschlusskriterium für Museumsarbeit, Rechnung tragen. Mit dem SFZ wurde eine Lösung herbeigeführt, welche die wissenschaftliche Bearbeitung der Einzelstücke, ihre restauratorische Betreuung sowie ihre Lagerung an ein und demselben Ort ermöglicht. Durch die konsequente Umsetzung dieses Ansatzes gilt das SFZ in der Museumslandschaft bereits jetzt als beispielhaft.

 

Außenring mit Depots

Die Depots sind im Gebäude in einem äußeren Ring angelegt und über Schleusen zu erreichen. Zur fachgerechten Lagerung der Objekte dienen Rollregalanlagen, Weitspannregale, eine Zuganlage für Gemälde sowie Sonderschränke, etwa für Grafiken. Alle Sammlungen verfügen über sogenannte „Vorlageräume“, in welchen Fachleute arbeiten können. Weiters gibt es einen Pack-, einen Entlade-, einen Großkonservierungsraum sowie diverse Manipulationsräume. Der An- bzw. Abtransport erfolgt über eine LKW-Schleuse.

 

Rund 40 Arbeitsplätze

Die Gemälde-, Objekt- und Papierrestaurierung sowie die Räume zur Restaurierung der Bestände der Archäologie und des Volkskunstmuseum sind auf 525 m² untergebracht. 547 m² nehmen die Werkstätten der Tischlerei, Polsterei und Metallverarbeitung sowie der Spritzraum ein. Zwei Kustodiate – die Naturwissenschaftlichen Sammlungen sowie die Vor- und Frühgeschichtlichen und Provinzialrömischen Sammlungen – sind mit ihren Räumen und Bibliotheken in den beiden Untergeschoßen zuhause. Im SFZ haben rund 40 MitarbeiterInnen und ehrenamtlich Tätige ihren Arbeitsplatz.

 

Ein Monolith

Das flache, anthrazitfarbene Gebäude wurde von Robert Diem und Erwin Stättner (franz zt gmbh, Wien) entworfen. Das aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt gewährleistet optimale klimatische Bedingungen, da zwei der drei Geschoße in die Erde versenkt sind. Durch die Verwendung langlebiger Materialien ist ein ökologischer, nachhaltiger Betrieb möglich. Der monolithische Charakter des Gebäudes spiegelt seine Bedeutsamkeit als Heim für das wertvolle Tiroler Kulturgut wider. Der Baukörper weist nach außen hin keine sichtbaren Öffnungen auf. Durch die außergewöhnliche Fassadengestaltung erhält der Komplex eine besondere Strahlkraft. Die Form eines mittelsteinzeitlichen Faustkeils ist in unregelmäßigen Abständen in die moderne Glasfaserbetonwand eingearbeitet – das Objekt sozusagen „konserviert“. Die Architektur visualisiert die Funktion des Gebäudes und lässt Altes und Neues verschmelzen. In seinem Inneren überrascht der Bau mit einem begrünten Atrium. Alle Arbeits- und Atelierräume sind um dieses angeordnet. Büros, Gänge mit Glaswänden und Atrium ergeben räumlich eine große, helle Arbeitswelt.

 

Kein Museum

Das 24-Millionen-Projekt wurde aus Mitteln der Hochbauabteilung des Landes Tirol, der Landesgedächtnisstiftung sowie aus Verkaufserlösen bisheriger Depotstandorte finanziert. Das neue Zentrum garantiert nicht nur ein Sammlungsmanagement mit höchsten Sicherheitsanforderungen. Mit dem SFZ entsteht ein neues Kompetenz-Zentrum, welches das interdisziplinäre Forschen forciert und die hausinterne Produktion von Ausstellungsmöbeln gewährleistet. Für die Öffentlichkeit ist das Gebäude nicht zugänglich. Im Zuge der feierlichen Inbetriebnahme öffnet das SFZ aber am 9. September für Interessierte seine Türen. Führungen in verschiedene Depots, in Labors und Werkstätten geben Einblick in die Logistik des Betriebs und die Bearbeitung von Einzelobjekten.

 

Sigrid Wilhelm; in ferdinandea 41, August bis Oktober 2017, S. 9