Caspar Gras, Reiterstatuette von Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol (?), 2. Hälfte 17. Jahrhundert  

Caspar Gras, Reiterstatuette von Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol (?), 2. Hälfte 17. Jahrhundert

 

Ein Meisterwerk des Tiroler Bronzegusses von Caspar Gras Reiterstatuette von Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol (?), 2. Hälfte 17. Jahrhundert, Bronze, Hohlguss, graviert, punziert, poliert, Reste einer alten Patinierung, Maße: H 48 cm, l 40 cm, B 30,5 cm (inkl. Holzsockel)

2014 konnte der Verein durch die fachliche Unterstützung des ehemaligen Landeskonservators von Tirol HR Dr. Franz Caramelle und mit Förderung der Kulturabteilung des Landes Tirol sowie der Landesgedächtnisstiftung Tirol eine vermutlich Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol darstellende kleine Reiterstatuette (Inv.-Nr. B 686) erwerben. Das Meisterwerk des Tiroler Bronzegusses stammt aus der Werkstatt des Bronzebossierers Caspar Gras (Mergentheim 1585–1674 Schwaz), einem bedeutenden Vertreter des Manierismus.

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. B 686

Bild vergrößern ...

 

Ein Meisterwerk des Tiroler Bronzegusses von Caspar Gras Reiterstatuette von Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol (?), 2. Hälfte 17. Jahrhundert

2014 konnte der Verein Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum durch Vermittlung des ehemaligen Landeskonservators von Tirol Hofrat Dr. Franz Caramelle und mit Förderung der Kulturabteilung des Landes Tirol und der Landesgedächtnisstiftung Tirol eine vermutlich Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol darstellende kleine Reiterstatuette (Inv.-Nr. B 686) erwerben.

Sie stammt aus der Werkstatt des Bronzebossierers Caspar Gras (Mergentheim 1585–1674 Schwaz), einem bedeutenden Vertreter des Manierismus. Seine berühmtesten Monumentalplastiken in Innsbruck sind das auf einem Konzept Hubert Gerhards basierende Bronzegrabmal für Maximilian III. den Deutschmeister in der Dom- und Propsteipfarrkirche zu St. Jakob und die Bronzeskulpturen des Leopoldsbrunnens (1622/33). Mit dem Reiterstandbild Leopolds V. gelten sie als sein Hauptwerk. Das kurbettierende Pferd ohne Hilfsstütze war das erste derartige monumentale Reiterstandbild Europas. Außer Großfiguren und Epitaphien schuf Gras hauptsächlich Kleinplastiken, insbesondere Reiterstatuetten, die vor allem der Repräsentation der Dargestellten dienten. Das jüngst erworbene Werk zeigt den Typus des trabenden Pferdes. Es besteht aus zwei einzeln gegossenen und miteinander verlöteten Teilen. Schrauben an den Hufen fixieren es am Sockel. Die ebenfalls gesondert gegossene Reiterfigur trägt einen zeitgenössischen Harnisch und ist samt Sattel und Satteldecke auf dem Pferderücken angeschraubt. Weitere Einzelteile wie die Ohren, das linke Bein und der aus zwei Teilen bestehende Schweif des Pferdes sowie der linke Arm und die Schleife der Feldbinde am Rücken des Reiters sind angelötet. Beim Porträtkopf handelt es sich um einen sogenannten Reserve- oder Wechselkopf, der einschließlich des Kragens abgenommen und ausgetauscht werden kann. Im Vergleich mit anderen ebenfalls Caspar Gras zugeschriebenen Reiterstatuetten (Wien, Kunsthistorisches Museum) lassen zwei seitliche Bohrungen im Kopf auf einen heute nicht mehr vorhandenen Lorbeerkranz schließen. In der linken Hand hielt der Reiter vermutlich die Zügel, in der Hand des seitlich ausgestreckten rechten Armes entweder einen Feldherrenstab oder das Halfterband.  Caspar Gras erhielt seine Ausbildung ab 1600 bei dem aus den Niederlanden stammenden und im Dienst von Maximilian III. dem Deutschmeister stehenden Bronze- und Terrakotta-Bildhauer Hubert Gerhard. 1602 folgten Gerhard und Gras ihrem Dienstherrn bei dessen Regierungsantritt als Gubernator von Tirol und Vorderösterreich nach Innsbruck. 1613 wurde Gras zum Hofbossierer ernannt. Er diente auch den nachfolgenden Tiroler Landesfürsten Erzherzog Leopold V., dessen Witwe Claudia von Medici und den Söhnen Erzherzog Ferdinand Karl und Erzherzog Sigmund Franz, mit dessen Tod 1665 die Tiroler Linie endete. 

 

Eleonore Gürtler; in: ferdinandea 29, August bis Oktober 2014, S. 12

 

Ein Phänomen: Wechselköpfe bei Reiterstatuetten

Die 2014 vom Verein Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum erworbene Reiterstatuette ist zweifellos ein Meisterwerk des Bronzebossierers Caspar Gras (1585–1674). Der aus Mergentheim stammende Künstler hat mit dem Grabmal Erzherzog Maximilians des Deutschmeisters im Innsbrucker Dom und dem Leopoldsbrunnen am Rennweg Meilensteine in der Entwicklung der europäischen Bronzeplastik gesetzt.

Seine Arbeiten zeichnen sich durch ausgewogene Proportionen, anatomische Perfektion und ruhige, bisweilen starre Formensprache aus. Er gilt als letzter Vertreter des süddeutschen Manierismus und setzt den Schlusspunkt in der langen Tradition des Tiroler Bronzegusses. Über die Zuschreibung der Statuette, die in der ferdinandea 29 von Eleonore Gürtler ausführlich vorgestellt wurde, an den Innsbrucker Hofbossierer Cas- par Gras gibt es kaum Zweifel. Von diesem haben sich zahlreiche ähnliche Reiterstatuetten erhalten, er gilt geradezu als Spezialist für diese bronzenen Kleinplastiken. Künstlerisches Vorbild für den Typus des ruhig trabenden Pferdes ist der Italoflame Giovanni da  Bologna, der mit seiner Reiterstatuette für Ferdinand  I. de Medici (Vaduz, Sammlungen des regierenden  Fürsten von Liechtenstein) gewissermaßen  den Prototyp schuf; dessen Schüler Hubert  Gerhard hat diesen in der  Reiterstatuette für Erz- herzog Maximilian den  Deutschmeister (Frankfurt am Main, Städtische  Galerie im Liebighaus)  übernommen und an  seinen Schüler Caspar  Gras weitergegeben. So schließt sich der Kreis und zeigt ein klares Bild der Weitergabe des künstlerischen Erbes vom Lehrer an den Schüler. Die Identität des Reiters ist zwar nicht eindeutig zu  klären, Vergleiche mit ähnlichen Reiterstatuetten, die  sich im Kunsthistorischen Museum in Wien, im „Victoria und Albert Museum“ in London, in anderen Sammlungen und in Privatbesitz befinden, weisen mit ziemlicher Sicherheit auf Erzherzog Ferdinand Karl, dies  wird auch durch die physiognomische Ähnlichkeit mit  zeitgenössischen Porträts untermauert. Erzherzog Ferdinand Karl, der ältere Sohn Erzherzog Leopold V. und dessen Gemahlin Claudia de Medici, war der vorletzte Landesfürst von Tirol (1646–1662), er war kulturell überaus interessiert, förderte Künstler aus aller Welt und machte Innsbruck zu einem Zentrum des europäischen Opern- und Theaterlebens. Die bronzene Kleinplastik nimmt im Oeuvre von Caspar Gras einen besonderen Stellenwert ein. Kleine Porträts,  Fabelwesen, Mörser  und eben Reiterfigürchen waren im 16. und  17. Jahrhundert nicht  nur am Hof und in den  Fürstenhäusern sehr  beliebt, auch adelige  Familien und begüterte  Bürger sammelten die  kleinen Kunstwerke,  die neben dem materiellen auch einen repräsentativen  Wert hatten und sich ideal für wertvolle Gastgeschenke  eigneten. In seinen Reiterstatuetten hat sich Gras so- wohl an den Typus des kurbettierenden Pferdes als auch des trabenden Pferdes gehalten, die Reiter sind im Kürass der Zeit um 1650 dargestellt, die Köpfe sind abnehm- und auswechselbar.

Dieses Phänomen findet man im Manierismus sehr häufig: Während die des trabenden Pferdes gehalten, die Reiter sind im Kürass der Zeit um 1650 dargestellt, die Köpfe sind abnehm- und auswechselbar. Dieses Phänomen findet man im Manierismus sehr häufig: Während die Gestalt des Reiters und das  Pferd oft unverändert von einer Plastik zur anderen übernommen wurde, konnte mit  dem Aufsetzen eines Porträtkopfes die Reiterstatuette mit  geringem Aufwand das Antlitz des gewünschten Herrschers bzw. der gewünschten  Person mit ihren charakteristischen, identifizierbaren Gesichtszügen erhalten. In der italienischen Spätrenaissance ist von den sogenannten „cavallini“ die Rede, das sind Kleinmodelle, die eine nahezu industrielle Verwertung des Reitermotivs ermöglichten. Über die ursprüngliche Provenienz der Innsbrucker Statuette gibt es keine urkundlichen Nachrichten. Möglicherweise  stammt sie aus der Kunstkammer der Fürsterzbischöfe  von Salzburg – in einem Inventar von 1805 werden zwei  bronzene Reiterstatuetten erwähnt „vermutlich Herzöge  zu Pferd, ein Schuh hoch mit besonderen zwei Köpfen  zum Aufstecken“ – in den Wirren der napoleonischen  Zeit dürften sie veräußert worden und in Privatbesitz  gelangt sein; es könnte sich aber auch um eine jener  beiden Reiterstatuetten Erzherzog Ferdinand Karls im  Besitz des Herrn von Brandis in Innsbruck handeln, von  denen Anton Roschmann 1742 berichtet. Obwohl in der Renaissance und im Manierismus die Produktion von derartigen Kleinplastiken groß gewesen sein muss, haben sich nur wenige Exemplare erhalten, viele sind eingeschmolzen worden oder verloren gegangen. Heute sind bronzene Reiterstatuetten aus dem 17. Jahrhundert gesuchte Raritäten im Kunsthandel und attraktive Exponate in Museen und Sammlungen.

Mit dem Ankauf der Reiterstatuette Erzherzog Ferdinand Karls zählt auch das Ferdinandeum zum erlesenen Kreis jener Museen, die ein Meisterwerk von Caspar Gras besitzen. Die im Wachsausschmelzverfahren als Hohlguss ausgeführte Bronzeplastik ist von hoher künstlerischer Qualität, die sich in der glatt modellierten Oberfläche, den fein ziselierten Details und im edlen, messingfarbenen Gesamteindruck darbietet. Darüber hinaus ist die Figur durch ihren Bezug zum Tiroler Landesfürsten auch kulturgeschichtlich bedeutend.   

 

Franz Caramelle; in: ferdinandea 30, November 2014 bis Jänner 2015, S. 9