Bruno Gironcoli, Ohne Titel (Herzvase), 1998–99  

Bruno Gironcoli, Ohne Titel (Herzvase), 1998–99

 

Bruno Gironcoli, Ohne Titel (Herzvase), 1998–99, Kunstharz, mit bronzefarbenem Anstrich, 82 x 57 x 35 cm

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Moderne Galerie, B 667

Bild vergrößern ...

 

Der österreichische Künstler Bruno Gironcoli (1936–2010) gilt als einer der wichtigsten und eigenwilligsten Vertreter der zeitgenössischen Plastik. Er begann 1951 eine Goldschmiedelehre in Innsbruck, die er 1956 mit der Gesellenprüfung abschloss. Von 1957 bis 1962 studierte er an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. 1977 wurde er als Leiter der Bildhauerschule an die Akademie der bildenden Künste Wien berufen, wo er als Nachfolger von Fritz Wotruba bis 2004 tätig war. 1991 erhielt er den „Großen Österreichischen Staatspreis". 2003 war er der offizielle Vertreter Österreichs bei der Biennale in Venedig.
Geprägt von einem Parisaufenthalt 1961/62 und den Arbeiten Alberto Giacomettis entstehen in den frühen 60er-Jahren „Drahtgegenstände“, in denen er menschlich-körperliche Formen als Drahtgeflecht ausbildet. In den darauf folgenden Jahren arbeitet er an singulären Formen aus Gips, Pappmaché, Holz und Polyester, die stilisierten Köpfen und gestreckten, sitzenden, gebeugten oder knienden Figuren ähneln. Dabei überzieht er die billigen Materialien mit Gold-, Silber- und Kupferfarbe. Diese charakteristische Farbgebung behält Gironcoli auch für die meisten seiner nachfolgenden Skulpturen bei.
Anfang der 70er-Jahre beginnt er mit Objektarrangements den Raum großflächiger zu bespielen. Er entwickelte über die Jahre hindurch seine eigene unverwechselbare Formensprache hin zu skurrilen Metamorphosen von technischen und organischen Versatzstücken. In ihnen zeigt sich seine Vorliebe für glatte, fließende, monochrome Oberflächen aus Aluminium, Polyester oder Bronze. Mit handwerklicher Perfektion bis ins kleinste Detail schafft er Objekte, die sich letztlich jeder Deutung entziehen. Im Gegensatz zu den geradezu barock wirkenden Großskulpturen, in denen er die unterschiedlichsten Kombinationen von Ähren, Blättern, Embryos, Tellern, Schöpflöffeln, Vulvas, Trauben, Enzianen, Schnecken und Knochen ausbildet, zeichnet sich jene der „Herzvase" durch eine einfachere und klarere Formensprache aus. Die Skulptur diente als Prototyp für eine in Bologna gegossene Edition.

Literatur: Busse, Bettina M. (Hg.): Bruno Gironcoli. Die Skulpturen 1956–2008, Ostfildern 2008

s. auch: ferdinandea 9, Titelseite und ferdinandea 36, Seite 6