Kinder-Stutzen für Erzherzog Ludwig Viktor, 1848  

Kinder-Stutzen für Erzherzog Ludwig Viktor, 1848

 

Michael Jäger
Achtkantiger, brünierter Lauf; Perkussionsschloss; Vollschaft; französischer Kolben; Signatur am rückwärtigen Laufende: M. JAEGER in In(n)sbruck, GesL 62,0 cm; Lauflänge 37,3 cm

Historische Sammlungen, Inv.-Nr. Waffen, Handfeuerwaffen 90

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Durch die revolutionären Tumulte und Aufstände in Wien verängstigt, verlegte Kaiser Ferdinand I. im Mai 1848 seinen Regierungssitz nach Innsbruck, das zu dieser Zeit weit davon entfernt war, Austragungsort politischer Ausschreitungen zu werden. Innsbruck stieg nochmals kurzzeitig zur Residenzstadt auf. Man nützte auch die Gelegenheit, besonders schöne Festaufzüge zu veranstalten.

 

Zwischen dem damals sechsjährigen Erzherzog Ludwig Viktor, dem jüngsten Bruder des späteren Kaisers Franz Joseph, und den Wiltener Schützen entstand eine besondere Verbindung, wie der "Kaiserlich Königlich Privilegierte Bothe von Tirol und Vorarlberg" am 24. Juni 1848, 352 berichtet: "Die Frohnleichnams-Prozession (22. Juni) fand in jener feierlichen Weise Statt, wie wir in unserem letzten Blatte ankündeten, nur daß auch Ihre Majestät die Kaiserin die Prozession begleiteten. Se. Majestät der Kaiser wohnte, durch Unpäßlichkeit an der Begleitung verhindert, dem letzten Evangelium in der Burg auf dem Balkon bei. Das schönste Wetter begünstigte die Feierlichkeit. Am Mittag des Frohnleichnamstages zog die Wiltauer-Schützenkompanie zur Wache bei der Burg auf. Der kleine Erzherzog Ludwig, Sohn Sr. k. Hoheit des Erzherzogs Franz Karl, welcher der Bitte dieser Kompagnie entsprechend die Hauptmannsstelle derselben angenommen hatte, führte in der Nationaltracht die Wache selbst auf." Im Zusammenhang mit der Bestellung des jungen Erzherzogs zum Ehrenschützenhauptmann der Wiltener Kompanie wurde ihm die Kinderbüchse als Ehrengeschenk übergeben. Die auf dem silbernen Kolbenschuh gravierte Inschrift bezieht sich darauf: "Erinnerung / an 22t Juni 1848 / von J: Erlacher / Hauptm. d. Wiltener Schützencompagn:"

 

Der Stutzen wurde von dem zu dieser Zeit sehr aktiven Innsbrucker Büchsenmacher Michael Jäger verfertigt. Er gilt als der erste Büchsenmacher in Tirol, der sich mit neuen Systemen der Divisions- und Kammerbüchsen mit Perkussionsschloss und Spitzkugeln beschäftigte. Jäger verwirklichte 1849 die sogenannte Kraxenkanone, eine Erfindung des Bartlme Hechenblaikner (Egg, 274f).

 

Als dem Ferdinandeum 1991 diese Kinderbüchse angeboten wurde, fehlten die finanziellen Mittel für einen Ankauf. Der KIWANIS-CLUB Innsbruck trat daraufhin als Sponsor auf und übernahm die Gesamtkosten von ATS 50.000,-. Am 7. April 1992 fand im Zeughaus die feierliche Übergabe der Büchse durch den KIWANIS-CLUB-Präsidenten Ing. Wilfried Kessler statt (JB 1992, III).


Johann Nepomuk Hueber (1802-1885), Der junge Erzherzog Ludwig Viktor, 1848
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 1107



Literatur
Erich Egg, Das Handwerk der Uhr- und Büchsenmacher in Tirol (Tiroler Wirtschaftsstudien 36, Innsbruck 1982). - Josef Fontana, Von der Restauration bis zur Revolution (1814-1848). In: Geschichte des Landes Tirol 2 (Bozen-Innsbruck-Wien 1986) 581-760. - Claudia Sporer-Heis, Fest-Aufzug einer Tiroler Schützen-Compagnie vor der k. k. Residenz in Innsbruck ... (1848), Teilpublikation (mit Faksimiledruck) bei Tirol-Edition des Archiv-Verlages (Wien 1996).

 

Claudia Sporer-Heis