Maria mit Kind, um 1180/90  

Maria mit Kind, um 1180/90

 

Lindenholz, H 70 cm, rückseitig gehöhlt, Reste alter Fassung

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. P 2115

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Die Skulptur entspricht dem Typus der Maria als Thron Gottes. Die strenge Frontalität und die Geschlossenheit der Form betonen die Komplexität des Bildwerkes. Das Kind ist aus der Symmetrie nach rechts (vom Betrachter aus gesehen) gerückt und bildet nun einen optischen Ausgleich zu dem nach links gesetzten Oberkörper Mariens. Das Kind hat seine Rechte zum Segensgestus erhoben, die linke Hand umschließt eine Schriftrolle. Die Gewandung ist nur in der Knie- und Armzone gewellt; die Faltenbildung im roten Gewand des Kindes ist durch graphisch markierte Züge bestimmt.

 

Die Blockhaftigkeit der Skulptur ist der Bauplastik verpflichtet. Die einfach geschlossene Konturform des hochovalen Kopfes mit dem Kronreif und die glatt dem runden Kopf des Kindes anliegende "Haarkappe" verstärken die hoheitsvolle Wirkung.

 

Im Vergleich zu den um 1200 entstandenen Prophetenfiguren aus Wenns im Pitztal (siehe Beitrag zum Jahr 1965) ergibt sich eine analoge stilistische Orientierung nach Südwestdeutschland bzw. dessen Einfluss nach Tirol. Für die Entstehungszeit gegen Ende des 12. Jahrhunderts spricht neben der Gesamtkonzeption die Pose der überkreuzten Beine des Kindes, die im Gegensatz zu den im Typus vergleichbaren Skulpturen auf der Churburg oder jener aus dem Tauferer Tal im Diözesanmuseum Brixen die Vertikale als akzentuiertes Moment zeigt.

 

Die Figur stammt vermutlich aus der St.-Peter-und-Pauls-Kapelle in Götzens. Die Agrargemeinschaft Götzens hatte die an einem Baum befestigte Madonna um 1970 gegen ein gemaltes Marienbild getauscht. Die Skulptur kam in Innsbrucker Privatbesitz, dann in den Innsbrucker Kunsthandel und schließlich in Wiener Privatbesitz. Von dort konnte mit finanzieller Hilfe des Landes Tirol und gegen Tauschobjekte aus dem Fundus des Landes Tirol die "Götzner Madonna" nach Tirol und in die Gotiksammlung des Museums zurückkehren.

 

Das Marienbild ist ein kulturgeschichtlich wichtiges Beispiel eines nach der Tradition oft auftretenden "Baum-Gnadenbildes", das aber nachweislich nie verehrt wurde. Zusammen mit den beiden Prophetenfiguren aus Wenns zeigt die Skulptur einen archaischen Charakter der Plastik im ausgehenden 12. Jahrhundert, ganz im Gegensatz zu der etwa 1250 im Brixener Raum entstandenen Madonna mit Kind mit ihrer lieblichen, mütterlichen Wirkung (Inv.Nr. P 1137).


Zwei Propheten aus der St.-Mauritius-Kapelle in Wenns im Pitztal, um 1200
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. P 1085, P 1086
Mehr dazu unter 1965



Literatur
Gert Ammann, Maria mit Kind. In: Erwerbungen - Legate - Stiftungen, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1985 (Innsbruck 1985) 6, Kat.Nr. 1. - Gert Ammann, Maria mit Kind. In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. - Das Werden Tirols, Katalog Tiroler Landesausstellung Schloß Tirol - Stift Stams 1995 (Dorf Tirol-Innsbruck 1995) 460, Kat.Nr. 18.7.

 

Gert Ammann