Kruzifixus von Matzen, um 1520  

Kruzifixus von Matzen, um 1520

 

Niederbayern
Birnenholz, H 115 cm, vollrund

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. P 973

Bild vergrößern ...

 


Der Körper des Gekreuzigten ist frontal dem Kreuzstamm vorgelagert, die beiden Arme sind leicht nach oben gestreckt. Allein das Haupt neigt sich aus der Symmetrie nach links (vom Betrachter). Die beiden Füße sind durch einen Nagel am Kreuzstamm befestigt. Das Lendentuch ist in der Mitte geknotet, die Enden seitlich des Körpers in zum Teil umgeschlagene Windungen drapiert. Das Haupt trägt eine mächtige Dornenkrone, darunter fließen zu Bündeln gesträhnte und gedrehte Haare herab. Das Antlitz mit geschlossenen Augen und geöffneten Lippen weist eine feine Schnitzweise auf. Diese subtile Modellierung ist auch dem ganzen Körper eigen, wie die hervortretenden Adern oder die Querfalten unter den Kniescheiben zeigen.

 

Der Bergwerksunternehmer Sigmund Fieger von Schwaz - er gewann zwischen 1511 und 1529 14.000 Kilogramm Silber in Schwaz - ließ das Schloss Matzen und die Kapelle umbauen, die Schlosskapelle und den Altar zu Ehren des Heiligen Kreuzes am 23. Juli 1520 durch den Salzburger Fürsterzbischof, Matthäus Kardinal Lang, weihen. Der Stifter des Kreuzes ist in einem 1526 entstandenen Fresko mit Wappen im Franziskanerkloster Schwaz bildlich nachweisbar. Sein Wirken ist auch in der Errichtung des Annenaltares 1506 in der Kirche zu St. Georgenberg sowie im Ausbau der Kronburg bei Landeck und des Schlosses Matzen bekundet.

 

Bereits 1176 ist diese Schlosskapelle zum hl. Thomas und zum Hl. Kreuz geweiht worden. Um 1700 entstand zu diesem Heiligen Kreuz eine Wallfahrt, die noch im 19. Jahrhundert bestand.

 

Die Skulptur wurde früher Veit Stoß, der 1503 den Hochaltar der Stadtpfarrkirche Schwaz geliefert hatte, bzw. seinem Umkreis zugewiesen (Oberhammer 1950, Kat.Nr. 186). Von Müller 1976, 52, dem Kreis um Georg Schweigger zugeschrieben mit der Bemerkung, dass der Kruzifixus aus der Zeit des Veit Stoß stammt und die unmittelbare Kenntnis der Werke von Veit Stoß voraussetzt (MA 1972, 15), hat Schädler mündlich die stilistische Herkunft aus dem niederbayerischen Raum notiert.

 

Das Kreuz wurde 1956 vom Besitzer illegal in die Schweiz verbracht, der Landeskonservator Oswald Graf Trapp ließ es aber beschlagnahmen und ins Ferdinandeum bringen. Das Kreuz wurde als Leihgabe von Herrn Kapitän Michael Baillie-Grohman am 14. November 1957 übernommen (MA 1957, 230). Nach langwierigen Verhandlungen und vielen Gutachten konnte das Ferdinandeum das Bildwerk 1978 erwerben.

 

Der Kruzifixus bildet als Beispiel der renaissancegeprägten Kunst im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts den Ausklang der Gotiksammlung und korrespondiert zeitlich mit dem Annenberger Altar von Sebastian Scheel.


Sebastian Scheel (um 1479-1554), Annenberger Altar, 1517
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. P 991
Mehr dazu unter 1870



Literatur
A. Baillie-Grohman, in: Burlington Magazine XXXV (1919) 129-136. - Katalog Veit Stoß (Nürnberg 1933) Kat.Nr. 10 (zum Schwazer Altar von 1503 gehörig). - Vinzenz Oberhammer, Kruzifixus aus Schloß Matzen. In: Gotik in Tirol, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1950 (Innsbruck 1950) Kat.Nr. 186. - Theodor Müller, Gotische Skulptur in Tirol (Bozen 1976) 52, 453. - Erich Egg / Hans Heinrich von Srbik / Oswald Trapp, Schloß Friedberg und die Fieger in Tirol (Innsbruck-Wien-Bozen 1987) 84.

 

Gert Ammann