Maria im Ährenkleid, um 1450  

Maria im Ährenkleid, um 1450

 

Tirol (Brixen?)
Eitempera auf Holz, 113,5 x 57,5 cm
Umschrift am Rahmen (siehe Text)

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 3437

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Maria steht frontal mit nach rechts geneigtem Haupt und mit zum Gebet gefalteten Händen vor einem goldpunzierten Hintergrund und auf einer Blumenwiese. Ihr hochgegürtetes blaues Kleid ist mit goldenen Ähren besetzt. Kragen und Ärmelsaum sind mit einem flammenartigen Strahlenkranz belegt. Der Gürtel und der Gewandsaum sind aus Goldborten gebildet. Ihr goldenes Haar, an der Stirnpartie mit einem blauen Band glatt zusammengehalten, fällt bis zu den Knien herab. Im Goldhintergrund halten zwei Engel den Heiligenschein. Am weiß grundierten Rahmen steht die heute nur mehr fragmentarisch erhaltene Umschrift: "Es ist zu wissen, daß dis vnser frauen Bilt gemalt ist nach dem als sy in dem Tempel was ehe daß sy Josephn gemachelt wardt also ist sie gemalt in Lampardten zu Tscham für alle Christgläubigen und in dem Thum zu Maillandt do das Bild großzaichen thuet als do unde geschriben sthet" (zitiert nach Graus).

 

Abgeleitet vom Hohenlied wird im frühen Mittelalter Maria als "guter Acker, welcher ohne Saat Getreidehaufen hervorbrachte" beschrieben und im späten Mittelalter in der bildlichen Darstellung beim Eintritt in den Tempel mit dem Ährengewand gestaltet. Das wohl aus Deutschland stammende geschnitzte Gnadenbild hatte die Deutsche Kolonie in Mailand vor 1387 für den Mailänder Dom gestiftet; die Skulptur wurde 1456 durch ein Gemälde und vor 1485 durch eine Marmorfigur ersetzt. Von Mailand aus verbreitete sich das Gnadenbild der Ährenmadonna vor allem in Süddeutschland und Österreich und wurde bis ins 18. Jahrhundert im bayerisch-österreichischen Alpenraum verehrt. Heute ist noch für die Bauern im Ahrntal der Bittgang zum Gnadenbild der Ährenmadonna in Ehrenburg bei Bruneck lebendig. Aus Tirol hat sich die Skulptur der Ährenmadonna des Hans von Judenburg und das aus Brixen stammende Gemälde im Diözesanmuseum Freising, in Tirol das Gemälde der Ährenmadonna in der Frauenkirche in Brixen erhalten.

 

Das Tafelbild beschrieb Graus 1905 noch in der Pfarrkirche Sterzing befindlich. Josef Weingartner nannte 1915 bei der Inventarisierung der Südtiroler Kunstdenkmäler das Bild nicht mehr. Über den Kunsthandel gelangte es in Privatbesitz in Florenz, von wo es 1977 im Tauschweg und durch Vermittlung von Herrn Walter Kathrein, Antiquitäten Ivana Kathrein, Innsbruck, an das Ferdinandeum kam.

 

Das Gemälde zählt zu den bedeutendsten Erwerbungen, die der damalige Direktor, Hofrat Dr. Erich Egg, für die Gotiksammlung tätigen konnte. Er hat damit ein wichtiges Kulturgut nach Tirol zurückgeholt. Das Tafelbild ist in seiner Qualität ein markantes Werk vermutlich eines Brixener Malers aus der Übergangszeit vom Weichen Stil zum bürgerlichen Realismus in der Mitte des 15. Jahrhunderts.


Literatur
J. Graus, Maria im Ährenkleid und die Madonna cum cohazone vom Mailänder Dom, in: Kirchenschmuck 1904, 59ff, 101ff; 1905, 224. - Erich Egg, Madonna im Ährenkleid, aus der Lombardei. Unser Frauen Bild, wie sie im Tempel war, in: Tiroler Tageszeitung 187 (1983) 19. - Herlinde Menardi, Maria im Ährenkleid. In: Heiltum und Wallfahrt, Katalog Tiroler Landesausstellung Wilten-Fiecht 1988 (Innsbruck 1988) 243, Kat.Nr. 5.100.

 

Gert Ammann