Selbstbildnis vor blaugrünem Hintergrund  

Selbstbildnis vor blaugrünem Hintergrund

 

um 1906/07
Richard Gerstl (Wien 1883-1908 Wien)
Öl auf Karton, 100 x 72 cm

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 3112

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Wie aus dem 1931 angelegten Nachlassverzeichnis der Werke von Richard Gerstl (Kallir 1974) hervorgeht, hat der Künstler während seiner kurzen Schaffenszeit nicht weniger als zehn Selbstbildnisse in Öl geschaffen.

 

Das "Selbstbildnis vor blaugrünem Hintergrund" wird in dem Verzeichnis als Nr. 35, "Selbstbildnis (Kniestück)", angeführt. Es zeigt den Künstler in herausfordernder Direktheit, die geschlossenen Hände auf die Hüften gestützt, den Betrachter frontal anblickend. Der mächtige Oberkörper mit den aufgestemmten Armen und der breitbeinig ausgeführte Beinansatz nehmen mehr als zwei Drittel des Bildes ein.

 

Wie den übrigen Selbstbildnissen von Richard Gerstl fehlt auch diesem die schmerzhafte Pose der Schaustellung und charakteristischen Typisierung, wie dies ein paar Jahre später in den Selbstbildnissen von Egon Schiele zum Ausdruck kommt. Im Gegensatz zu Schiele verallgemeinert sich Gerstl, wie Otto Breicha (1965) dazu ausführt, "nicht zum zornigen jungen Mann schlechthin, zum tragischen Vereinsamten und zum Märtyrer seiner Passion, sondern beharrt auf dem Individualisierten seiner individuellen Konflikte und fatalen Spannungen." Gerstl verzichtet hier auf eine exakte körperliche Modulierung, auch vermeidet er es, Gesicht und Körper mit präzisen Umrissen in das Spannungsfeld der Fläche einzulassen. Vielmehr überzieht der Künstler den gesamten Körper mit breit hingesetzten, flockigen Tupfern, die sich im Hintergrund zu einem blaugrünen, den Körper umschließenden Umraum verdichten, aus dem das Gesicht gleichsam wie hinter einem Vorhang heraus direkt auf den Betrachter blickt. Mit diesem, aufgrund der pointillistischen Malweise wohl um 1906/07 datierbaren Selbstbildnis wie auch mit seinem übrigen malerischen Schaffen zählt Richard Gerstl zu den "Fauves" unter den Malern der Moderne in Österreich.

 

Das Gemälde wurde im März 1966 vom Ferdinandeum mit Mitteln der Olympiastiftung des Landes Tirol, der Stadt Innsbruck und der Tiroler Handelskammer (heute Wirtschaftskammer Tirol) aus Privatbesitz erworben. Es gehört heute zu den Hauptwerken der Modernen Galerie am Ferdinandeum.


Literatur
Otto Breicha, Gerstl der Zeichner, in: Albertina Studien 2 (1965) 98 (Abb.). - Otto Breicha, Richard Gerstl, Katalog Wiener Secession Wien 1966 / Tiroler Kunstpavillon Innsbruck 1966 (Wien 1966) Kat.Nr. 21 (m. Abb.). - Otto Kallir, Richard Gerstl (1883-1908). Beiträge zum Leben und Werk von Richard Gerstl, in: Mitteilungen der Österreichischen Galerie 62 (1974) 156, Nr. 35. - Erwerbungen 1956-1980. Für Erich Egg zum 60. Geburtstag, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1980 (Innsbruck 1980) 66, 67 (Abb.). - Richard Gerstl (1883-1908), Katalog Historisches Museum der Stadt Wien 1983/84 (Wien 1983) 22, Kat.Nr. 15, Farbtafel 9. - Klaus Albrecht Schröder, Richard Gerstl 1883-1908, Katalog Kunstforum Bank Austria, Wien 1993 / Kunsthaus Zürich 1994 (Wien 1993) 94, Kat.Nr. 27.

 

Günther Dankl