Steinbruch, 1958  

Steinbruch, 1958

 

Anton Lehmden (Neutra/SK 1929 - lebt in Wien und Deutschkreutz)
Öl auf Karton, 46,3 x 60,4 cm
bez. re. u.: Lehmden 1958

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 1519

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Innerhalb des umfangreichen Oeuvres von Anton Lehmden nimmt die Landschaft eine zentrale Stelle ein. Dabei interessiert ihn in der Hauptsache die sich wandelnde und verändernde Landschaft.

 

Auch der "Steinbruch" von 1958 hat dieses Motiv zum Inhalt. Ganz hoch bis an den schmalen Horizont reicht der mächtige, stark zerklüftete und die gesamte Breite des Bildes einnehmende Steinbruch. Mit meisterlicher Akribie legt Lehmden den geologischen Aufbau des Felsmassivs dar und zeigt damit die Eingriffe des Menschen in die Natur und in die Landschaft. Im unteren Bereich beginnen das Gras und die Sträucher bereits wiederum die künstlich geschlagenen Narben zu bedecken; nach oben hin wird der Steinbruch ebenfalls mit einer Grasdecke abgeschlossen. Dahinter tut sich ein weiteres, durch eine tiefe Schlucht zerrissenes helles Felsmassiv auf.

 

Die Felslandschaft selbst ist unwirklich, künstlich und von Menschenhand geschaffen. Die aus dem Berg geschlagenen Formen sind sehr dynamisch und bewegt. Im Kontrast dazu steht die Farbgebung, die sich auf einige wenige Farbtöne beschränkt. Lehmden unterstreicht damit nicht nur die Unwirklichkeit der Landschaft, die dem Kreislauf der Natur preisgegeben ist, sondern verleiht darüber hinaus der gesamten Komposition eine spürbare Stille, die gleichsam als "Stille im Lärm" (Johann Muschik) wie ein versöhnendes und tröstendes Element wirkt.

 

Anton Lehmden gehört mit Ernst Fuchs, Arik Brauer, Rudolf Hausner und Wolfgang Hutter zum Kern der "Wiener Schule des Phantastischen Realismus". Seine Handschrift geht auf intensives Studium von Rembrandt, Brueghel und der italienischen Quattrocentisten zurück, später auf eine Auseinandersetzung mit den Malern der "Donauschule" Albrecht Altdorfer und Wolf Huber. Wie diese sucht auch Lehmden in seinen Bildern, für die Alfred Schmeller (1968) in Anlehnung an die Schöpfungen der Donauschule den Begriff "Weltlandschaft" geprägt hat, die Dinge als Ganzes zu sehen und das Wesen und das Umfassende darzustellen.

 

Das Gemälde wurde 1960 gemeinsam mit den Werken "Stehende Figur" (1958) von Fritz Wotruba und "Kopf" (1955) von Joannis Avramidis mit Mitteln des Landes Tirol, des Instituts zur Förderung der Künste in Österreich, Wien, und der Tiroler Handelskammer (heute Wirtschaftskammer Tirol) aus der Ausstellung "Malerei und Plastik in Österreich" für die Moderne Galerie am Ferdinandeum erworben. Als einziges Dokument der "Wiener Schule des Phantastischen Realismus" nimmt es heute eine bedeutende Stelle innerhalb der Modernen Galerie am Ferdinandeum ein.


Literatur
Malerei und Plastik in Österreich, Katalog Tiroler Kunstpavillon Innsbruck 1960 (Innsbruck 1960) (m. Abb.). - Die Wiener Schule des phantastischen Realismus, Katalog 5 der Kestnergesellschaft Hannover 1965 (Hannover 1965) 156, Kat.Nr. 209. - Brauer, Fuchs, Hausner, Lehmden, Hutter. Die Wiener Schule, Katalog Zentralsparkasse der Gemeinde Wien (Wien o. J.) Kat.Nr. 105. - Alfred Schmeller, Anton Lehmden - Weltlandschaften (Salzburg 1968).

 

Günther Dankl