Kruzifixus, um 1170  

Kruzifixus, um 1170

 

Steiermark (?)
Pappel, H 236 cm, Spannweite der Arme 216 cm, Korpus rückseitig gehöhlt und wieder verschlossen, Oberfläche des Körpers durch Verwitterung stark rissig, Reste von Fassung an Kopf, Armen und Beinen. Die Nägel an Händen und Füßen sind neu ergänzt.

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. P 1129

Leihgabe Land Tirol

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Die Körperhaltung entspricht weitgehend der Kreuzform. Der Körper weicht jedoch durch die leichte Knickung der Hüfte, die Beinstellung und das zur rechten Schulter geneigte Haupt aus der Symmetrie. Die Arme sind leicht aus der Waagrechten nach unten gebogen. Das Haupthaar liegt eng am Kopf an und breitet sich in je drei Strähnen auf die beiden Schultern. Das bis knapp über die Knie reichende Lendentuch ist durch ein in der Mitte geknotetes Cingulum um die Hüfte gebunden. Die Beine ruhen parallel auf einer von einer Menschenfigur gestützten Konsole (Suppedaneum). Die bärtige Tragefigur weist vermutlich auf Adam, über dessen Grab das Kreuz Christi aufgerichtet wurde ("Denn gleich wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden", I Kor 15,22). Die Atlantenfigur kann auch als Erde (terra, vgl. Astkreuze) gewertet werden.

 

Der Gekreuzigte entspricht nicht mehr dem romanischen Typus des Christkönigs, sondern dem "menschlichen", "leidenden" Typus der beginnenden Gotik.

 

Der Herkunft aus Gaal nach zu schließen, dürfte die Skulptur im nahegelegenen Stift Seckau ihren ursprünglichen Standort gehabt haben. Die eine Theorie (Oberhammer, Fillitz) weist den Gekreuzigten zusammen mit den in Seckau erhaltenen Assistenzfiguren als Mittelteil aus, die andere Theorie (Semff, Sauerländer) nennt die jetzige Kreuzigungsgruppe in Seckau als Einheit zusammengehörend (um 1225), damit ist der "Gaaler" Kruzifixus als singuläres Werk zu betrachten.

 

Die Skulptur befand sich bis 1931 in einer offenen Wegkapelle am Vorwitzhof bei Gaal in der Steiermark, kam dann in die Sammlung des Andreas Colli in Innsbruck, wurde vom Land Tirol angekauft und dem Ferdinandeum als Leihgabe übergeben. Der Kruzifixus war erstmals 1961 für die Europaratsausstellung "L'Art Romain" in Barcelona entliehen (MA 1961, 8); nach der Rückkehr aus Barcelona wurden die österreichischen Leihgaben in der Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe im Kunsthistorischen Museum Wien ausgestellt. Der Gekreuzigte war dann zentrales Exponat bei den Ausstellungen "Romanische Kunst in Österreich" in Krems 1964, "1000 Jahre Babenberger in Österreich" in Stift Lilienfeld 1976 und "Die Zeit der Staufer" in Stuttgart 1977.

 

Unter den wenigen romanischen Bildwerken im Ferdinandeum nimmt dieses monumentale Kreuz eine zentrale Position ein. Die beiden Kruzifixe aus Meran und dem Pustertal ergänzen stilistisch und zeitlich den Bestand an Kruzifixen im Ferdinandeum.


Literatur
Vinzenz Oberhammer, Neuerwerbungen 1938/39, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1939 (Innsbruck 1939) 12-15. - Hermann Fillitz, Kruzifix aus Gaal. In: 1000 Jahre Babenberger in Österreich, Katalog Stift Lilienfeld 1976 (Wien 1976) Kat.Nr. 1071. - Michael H. P. Semff, Studien zur romanischen Holzskulptur in den östlichen Alpenländern. Phil. Diss. (München 1976) 46-72. - Willibald Sauerländer, Kruzifix. In: Die Zeit der Staufer, Katalog Württembergisches Landesmuseum Stuttgart 1977 (Stuttgart 1977) 376f, Kat.Nr. 493. - Hermann Fillitz, Zum Problem der Seckauer Kreuzigungsgruppe, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte XLV (1992) 7-16. - Friedrich Dahm, Zur Frage der Provenienz der Seckauer Kreuzigungsgruppe, in: ebenda, 17-30.

 

Gert Ammann