Fritzener Schale, Certosafibel  

Fritzener Schale, Certosafibel

 

5./4. Jahrhundert v. Chr.
Fritzens, GP 197/198
Gebrannter Ton, Bronze

Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.-Nr. U 11.705, 17.630

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Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. entwickelte sich im Bereich der Laugen-Melaun-Kultur in Südtirol-Trentino, in Nordtirol auf Grundlage der bis dahin in das bayerische Alpenvorland orientierten hallstattzeitlichen Inntal-Gruppe die Fritzens-Sanzeno-Kultur, die den Alttiroler Raum unter Einbindung des Unterengadins kulturell einte. Benannt nach den Orten Fritzens im Nordtiroler Inntal und Sanzeno im Nonstal, Trentino, wird sie bestimmend bis zur römischen Okkupation des Alpenraums unter Drusus und Tiberius, den Stiefsöhnen des römischen Kaisers Augustus, im Jahre 15 v. Chr. (Lang 1985; Gleirscher 1987).

 

Sie ist gekennzeichnet durch typische Keramik- und Schmuckformen und durch die Bauweise der Häuser; der etruskische Einfluss vom Süden zeigt sich beispielsweise auch im Küchengerät und durch die Übernahme der vorwiegend im kultischen Bereich verwendeten Schrift im so genannten "Bozner Alphabet" (Nothdurfter 1992); keltischer Schmuck wird nach eigenem Geschmack und handwerklichem Können nachgeahmt; die ihr eigenen Keramik- und Schmuckformen finden sich im keltischen Oppidum von Manching ebenso wie am Dürrnberg bei Hallein (Metzger/Gleirscher 1993).

 

Eine der typischen Keramikformen, die Fritzener Schale mit steiler verzierter Wandung, verdicktem Mundsaum und Omphalosboden, ist durch zahlreiche Siedlungsfunde dies- und jenseits des Brenners belegt, so z. B. auch in der vom Gemeindearzt Dr. Karl Stainer entdeckten eponymen Siedlung von Fritzens auf der nördlichen Mittelgebirgsterrasse des Inntales. Seine von 1917 bis 1938 geborgenen Funde in der durch Schotterentnahme weitestgehend zerstörten Siedlung wurden von Leonhard Franz (Franz 1950) veröffentlicht. Bereits 1927 gab Gero von Merhart eine kurze Kennzeichnung der signifikanten Keramik von Fritzens (Merhart, 97ff). Neben der jüngereisenzeitlichen Keramik von diesem Fundplatz gelangten auch die wenigen Metallfunde, eine Schlangenfibel und ein Bronzeringlein durch Schenkung von Karl Stainer (EB 1930; JB 1930/31, XII) und, abgebildet, eine Certosafibel, Geschenk von Frau Warthorst (EB 1933), ins Ferdinandeum.


Literatur
Gero von Merhart, Archäologisches zur Frage der Illyrer in Tirol, in: Wiener Prähistorische Zeitschrift 14 (1927) 65-118. - Leonhard Franz, Die vorgeschichtlichen Altertümer von Fritzens (Schlern-Schriften 71, Innsbruck 1950). - Amei Lang, Noch sind die Raeter Herren des Landes. In: Veldidena. Römisches Militärlager und Zivilsiedlung, Ausstellungskatalog Innsbruck (Innsbruck 1985) 45-67. - Paul Gleirscher, Die Kleinfunde von der Hohen Birga bei Birgitz. Ein Beitrag zur Fritzens-Sanzeno-Kultur, in: Berichte der Römisch-Germanischen Kommission 68 (1987) 181-351. - Ingrid R. Metzger / Paul Gleirscher (Hgg.), Die Räter / I Reti. (Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer, Kommission III / Kultur, Bozen 1992). - Hans Nothdurfter, Die Fritzens-Sanzeno-Kultur und ihre Beziehungen zur etruskischen Kultur. In: Luciana Aigner-Foresti (Hg.), Etrusker nördlich von Etrurien (Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse 589, Wien 1992) 45-62.

 

Wolfgang Sölder