Matrikel der St.-Anna-Bruderschaft  

Matrikel der St.-Anna-Bruderschaft

 

errichtet in der St.-Jakobs-Pfarrkirche Innsbruck, 1637-1662
Papier, 200 x 160 mm, 184 Blätter, davon die letzten 147 unbeschrieben, weißer Ledereinband mit Goldprägung

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 27.765

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Der Beitritt zu einer Bruderschaft kam, neben all der persönlichen Frömmigkeit, die hinter einem solchen Schritt stand, dem Beitritt zu einer Versicherungsgesellschaft gleich: Nach dem eigenen Tod war dafür gesorgt, dass für das Seelenheil die entsprechenden Gottesdienste gelesen werden würden, dass die lebenden Mitglieder Gebete in großer Zahl zur Verkürzung der Aufenthaltsdauer der "armen Seele" im Fegefeuer sprechen würden. Zudem war es Bruderschaften aufgrund des angehäuften Vermögens (Eintrittsgebühren, jährliche Beiträge ...) möglich, auch im Diesseits Gutes zu tun.

 

Die älteste in Tirol nachgewiesene Bruderschaft ist (seit 1145) die St.-Valentins-Bruderschaft, die in Zusammenhang mit dem Hospiz auf der Malser Haide stand. Aufschwung erlebten Bruderschaften zur Zeit der Gegenreformation wie in Kriegs- und Krisenzeiten. So fällt auch die Gründung der Innsbrucker St.-Anna-Bruderschaft in die unruhige Zeit des 30-jährigen Kriegs. Claudia de' Medici war nicht nur das erste Mitglied, das sich in die Matrikel eintrug, sie muss - gemeinsam mit ihrer Familie - diese Bruderschaft auch sehr gefördert haben, was auch am Medici-Wappen auf dem Titelbild ersichtlich ist. Umso mehr Gewicht kommt ihrer Mitgliedschaft zu, bedenkt man, dass sie nach dem Tod ihres zweiten Gemahls, Erzherzog Leopolds V., von 1632 bis 1646 die Regierungsgeschäfte für ihren ältesten Sohn Ferdinand Karl (er trug sich als zweiter in das Bruderschaftsbuch ein) führte. So finden sich auch zahlreiche Adelige unter den eingeschriebenen Mitgliedern, freilich neben weitaus mehr "einfachen" Personen; - wie diese soziale Komponente überhaupt ein faszinierender Aspekt der Bruderschaften war: Wenigstens nach dem Tod kam allen Mitgliedern - gleichgültig welchen Standes sie waren - dieselbe Zahl an Messen, Gebeten etc. zu. Dennoch fielen auch sie 1783 dem aufgeklärten Reformwillen (unter Einziehung des Vermögens) Josephs II. zum Opfer.

 

Über das Aussehen des ersten von der St.-Anna-Bruderschaft in der St.-Jakobs-Kirche errichteten Altars (er wurde - laut Dip. 14, 13-16 - 1640 mittels Bulle von Papst Urban VIII. mit besonderen Vorzügen ausgestattet) ist nichts bekannt.

 

Dieses besonders schön gestaltete Mitgliederverzeichnis einer Bruderschaft (die jüngste Eintragung erfolgte 1662) schenkte Hans Hörtnagl, der sich auch im Zuge der Erweiterung des Museums Verdienste erwarb und deshalb 1932/33 zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Das Ferdinandeum besitzt eine große Sammlung so genannter Bruderschaftszettel, die Mitgliedern nach ihrem Beitritt überreicht, nach deren Tod aber wieder an die Bruderschaft zurückgeschickt und meist vernichtet wurden.


Matrikel der St.-Anna-Bruderschaft, fol. 3r: eigenhändige Eintragung Claudia de' Medicis
Bibliothek, FB 27.765



Literatur
Regel vnd Statuten / Der loblichen vnd vhralten / anjetzo aber de nouo, auß sonderbarem Gottseligen Eyfer viler hoch= vnd nid' standts Personen / gegen der heiligisten Frawen S. ANNA / in der lobl: S. Jacobs Pfarrkirchen / der Hauptstatt Ynßprugg / auffgerichten Bruederschafft allhie ... Getruckt zu Ynßprugg / durch Hieronymo Paur / 1646 (Dip. 14). - Hans Hochenegg, Bruderschaften und ähnliche religiöse Vereinigungen in Deutschtirol bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts (Schlern-Schriften 272, Innsbruck 1984) 7-34, 63 (hier allerdings falsche Datierung von FB 27765). - Franz-Heinz Hye, Propsteipfarrkirche und Dom St. Jakob. Historischer Teil. In: Die sakralen Kunstdenkmäler der Stadt Innsbruck 1: Innere Stadtteile (Österreichische Kunsttopographie LII/1, Wien o. J. [1994]) 1-20, vor allem 15f (hier allerdings anderes Ergebnis bezüglich des Annaaltars, als Dip. 14 nahe legt). - Johanna Felmayer, Propsteipfarrkirche und Dom St. Jakob. Beschreibender Teil. In: ebenda, 21-101, vor allem 53f (hier allerdings nur über einen jüngeren Annaaltar!).

 

Ellen Hastaba