Fließer Barbaraspiel, 1644  

Fließer Barbaraspiel, 1644

 

Comedia Barbara Auß dem Römischen Martirologio Metha Phraste Surio Vnd Lipomano mit fleis gezogen durch michl Rägl Pfarer in flies mit Consens geistlich vnd weltlich obrigkheit des erst mal gehalten den 3 7bris [September] Ao 1644
Papier, 185 x 150 mm, 81 Blätter, stark abgegriffener Pergamenteinband

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 13.954

Bild vergrößern ...

 


Zufällige Überlieferung, Einfachheit, - abgesehen von der Verwendung roter Tinte auf den ersten Blättern - Schmucklosigkeit, starke Gebrauchsspuren, Eintragungen verschiedener ungeübter Hände aus jüngerer Zeit sind Kennzeichen dieser Handschrift, die dennoch eine Kostbarkeit für sich ist: Sie enthält den ältesten bislang bekannten Text eines vom Inhalt her barocken, formal jedoch an spätmittelalterliche, zugleich aber auch an Jesuitenspiel-Tradition (mehr dazu unter 1858) anknüpfenden religiösen Volksschauspiels, wie sie ab der Mitte des 17. bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts in zahlreichen Tiroler Orten meist jährlich, oft auch in durch Gelöbnisse festgesetzten Mehrjahresrhythmen mit allem nötigen Prunk und vielen Mitwirkenden (nicht selten über 100) aufgeführt wurden. Verfasser wie Initiatoren solcher Spiele waren oft Geistliche, die als ehemalige Jesuitenzöglinge mit dem Schulspiel vertraut waren. Stoff boten Heiligenlegende und Bibel, bisweilen auch aitiologische Erzählungen (z. B. Gründungslegenden von Wallfahrtsorten).

 

Michael Raggl/Röggl (Fließ 1609-1649 Fließ) war, nach Studien in Innsbruck und Brixen, Pfarrer in Fließ. Anlass für das Spiel gab eine Barbara-Reliquie. Auf der sicher einfachen Bühne war das gesamte Pantheon - vom Himmel über die Erde bis zur Hölle - vertreten. Dass im Stück, auch wenn es für die Heldin, die hl. Barbara, deren Marter ausführlichst dargestellt wird, tödlich endet, das Christentum triumphiert, versteht sich von selbst! Spiele dieser Art waren langlebig. Außer dem Fließer Textbuch besitzt das Ferdinandeum Handschriften zu zwei weiteren Barbaraspielen: Das eine wurde von "Einer Ehrsamben Gemeind und Nachparschaft zu Sistrans" 1729 (FB 19.472), das andere 1802 "Von Einigen Liebhabern der Gemeinde Absam aufgefürth Und Vorgestellet" (FB 9372/2).

 

Das Ende dieser reichen Spieltradition läuteten aufgeklärte Verordnungen ein, die seit Maria Theresia in immer kürzeren Abständen herausgebracht wurden. Begutachteten die weltlichen Behörden zunächst nur die Textbücher, griffen sie immer mehr in die Spielpraxis ein: Teufel durften nicht mehr mit höllischer Maske, sondern nur mehr im Jägerkleid auftreten; Priestern war zunächst das Borgen von Paramenten für Spiele verboten, später jede Mitwirkung an denselben. Diese Maßnahmen bewirkten, dass das von der gesamten Dorfgemeinschaft getragene Volksschauspiel zum von einer Theatergruppe initiierten Volkstheater mutierte, dessen Spielplan von weltlichen Stoffen (von Ritterschauspielen und patriotischen Stücken) geprägt war.

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden solcherart nutzlos gewordene Textbücher vom Ferdinandeum gezielt gesammelt (siehe dazu Chronik 1854 und Chronik 1865).


Jakob Placidus Altmutter (1780-1819), Bauerntheater, um 1805/10
Graphische Sammlungen, Inv.Nr. T 1149
Mehr zu Jakob Placidus Altmutter unter 1866



Literatur
Adalbert Sikora, Zur Geschichte der Volksschauspiele in Tirol, in: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg 50 (1906) 339-372. - Anton Dörrer, Jakob Prandtauers Geburts- und Berufsheimat. Barbara und Ambros Prandtauer und andere Angehörige als Barockgestalter aus dem obersten Inntal. In: Hermann Kuprian (Hg.), Bildner, Planer und Poeten im oberen Inntal. Festschrift der Volkshochschule Landeck anläßlich des 300. Geburtstages Jakob Prandtauer's (Schlern-Schriften 214, Innsbruck 1960) 39-72. - Ekkehard Schönwiese, Das Volksschauspiel im nördlichen Tirol. Renaissance und Barock (Theatergeschichte Österreichs 2: Tirol 3, Wien 1975). - Ellen Hastaba, Das Volksschauspiel im Oberinntal. Masch. phil. Diss. (Innsbruck 1986). - Dies., Komische Szenen in geistlichen Tiroler Spielen des 17. Jahrhunderts, aufgezeigt am Beispiel der "Comedia Barbara", Fließ 1644. In: Max Siller (Hg.), Fastnachtspiel - Commedia dell'arte. Gemeinsamkeiten - Gegensätze. Akten des 1. Symposiums der Sterzinger Osterspiele (Schlern-Schriften 290, Innsbruck 1992) 75-101. - Dies., Theater in Tirol - Spielbelege in der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 75/76 (1997) 233-343.

 

Ellen Hastaba