Das Tischgebet, 1923  

Das Tischgebet, 1923

 

Albin Egger-Lienz (Stribach, Gemeinde Dölsach 1868-1926 St. Justina)
Öl auf Leinwand, 136 x 188 cm
bez. re. u.: Egger Lienz; bez. rücks.: Tischgebet
rücks. zwei Etiketten: 5312 Galerie Thannhauser Berlin Luzern München; Sächsischer Kunstverein Dresden 2266

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 1188

Leihgabe Land Tirol

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Die bäuerliche Familie steht, im Gebet versunken, um den Tisch. Die umlaufende Bank und die Wandtäfelung umschließen den mit einer Holzfelderdecke geschlossenen Raum der Bauernstube. Das Fenster links (vom Betrachter aus gesehen) lässt Licht eindringen, ist aber nicht die Lichtquelle zur Erhellung der Figurengruppe. Während die Bauernstube nach perspektivischer Ordnung gestaltet ist, sind die Positionen des Tisches und der quergestellten Bank bewusst gesetzte Unterbrechungen in der wohlgeordneten Raumkonzeption. Die leere Speisenschüssel liegt unterhalb des Schnittpunktes der Diagonalen, ist aber formal Zentrum des Bildgeschehens.

 

Egger-Lienz formulierte - seinem Spätwerk entsprechend - eine homogene Malerei mit einer einheitlichen Farbwahl, die das Inhaltliche und weniger das Formale steigert. Schattenpartien sind scharf von den hellen Körperteilen abgehoben. Die Modellierung der Köpfe oder Hände lebt aus der schematischen, das Detail nur anskizzierten Gestaltung. Die Konzentration auf die zu drei Stelen gewachsenen Figuren überhöht auch die Idee des Tischgebetes. Dies war auch ein Anliegen von Egger-Lienz, das er in einem Brief an Otto Kunz vom 16. Dezember 1920 festhielt: "Meine Bilder von heute sind möglichst noch gusshafter, konzentrierter. Ein Tischgebet, das solltest Du sehen, Giotto, doch ohne jede Beziehung zu den Künstler, (denn fast nicht stilisiert), rein durch Einheit in der Fassung so geworden" (Kirschl, 369). Und Hammer, 223, betonte das Mystische: "Das milde, die Stube erfüllende Licht umgibt sie wie ein mystischer Schimmer, der sie leise über das Irdische entrückt." Wie sehr sich Egger-Lienz mit diesem Gemäldekonzept in Entwürfen und Skizzen auseinander gesetzt hatte, macht Kirschl, 562f, deutlich. In unmittelbarem Zusammenhang mit dem ersten Zustand der ersten Fassung (Kirschl, M 525) - der Bauer in der Mitte hält die zum Gebet verschränkten Hände vor der Brust erhoben - steht auch das Gemälde "Bauer" (1926, Inv.Nr. Gem 3025, Kirschl, M 624), das eine Detailvariante des Tischgebetes zeigt.

 

Das Gemälde kam mit Beschluss der Tiroler Landesregierung vom 27. September 1928 als Leihgabe des Landes Tirol ans Ferdinandeum. Es nimmt in den Sammlungen des Ferdinandeums neben "Die Mütter", "Die Quelle" und der "Auferstehung Christi" eine zentrale Position innerhalb der so genannten "Gedankenbilder" von Albin Egger-Lienz ein.

 

Mehr zu Albin Egger-Lienz unter 1942


Albin Egger-Lienz, Die Quelle, 1924
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 3024



Literatur
Giorgio Nicodemi, Albino Egger-Lienz (Brescia o. J.) Werkverzeichnis 34, Abb. 44. - Josef Soyka, A. Egger-Lienz. Leben und Werk (Wien 1925) 57, Werkverzeichnis 64, Abb. 42. - Heinrich Hammer, Albin Egger-Lienz (Innsbruck-Wien-München 1930) 222ff, 285, Abb. 220/221. - Wilfried Kirschl, Albin Egger-Lienz. Das Gesamtwerk (2. Aufl., Wien 1996) 369-379, M 530, Abb. 379.

 

Gert Ammann