Tirols Künstler 1927  

Tirols Künstler 1927

 

Papier, 348 x 250 mm, ausgefüllte Fragebögen, beigebundene Ergänzungsblätter, Korrespondenzstücke, zahlreiche Photographien
aufgeschlagen: Fragebogen Artur Kaspar Nikodem (wurde zweimal ausgefüllt, daher Vorder- und Rückseite des Fragebogens sichtbar!)

Bibliothek, Inv.-Nr. ohne Signatur

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"In Erkenntnis der Notwendigkeit, auch über das Kunstschaffen der Gegenwart einen Ueberblick zu gewinnen, hat der Tiroler Heimatschutzverein in der letzten Zeit an alle bildenden Künstler unseres Landes, deren Adressen erlangbar waren Fragebögen ausgeschickt", teilt Hans Hochenegg, wesentlicher Motor dieses Unternehmens, im Tiroler Anzeiger am 3. Februar 1926 mit. 15 Fragen hatten die Angeschriebenen zu beantworten: 1. Vor- und Zuname, 2. Geburtsjahr und Tag, 3. Geburtsort, 4. Religion, 5. Stand, 6. Vor- und Mädchenname der Gattin, 7. Name, Beruf und Heimat der Eltern, 8. Herkunft der Familie, 9. Vorfahren, welche künstlerisch tätig waren, 10. Bildungsgang, 11. bisheriger beruflicher Lebensgang, 12. Verzeichnis der wichtigsten Werke und ihres Standortes, 13. Ausstellungen, 14. Aufträge, 15. allfällige Spezialgebiete; Literatur: Werke, wichtige Aufsätze, Besprechungen in Zeitschriften und Zeitungen; Datum, Anschrift, Unterschrift. Das Beilegen eines Lichtbildes wurde gewünscht.

 

Manchen bot das vorgegebene Blatt zu wenig Platz, sich selbst darzustellen (umfangmäßiger Spitzenreiter ist Andreas Colli, der 15 maschingeschriebene Seiten beifügte), anderen zu viel (Max Esterle beantwortete lediglich die Fragen 1 bis 8, zuzüglich Datum, An- und Unterschrift). Nicht alle waren von der Idee begeistert: Alois Delug ging "diese heut ganz allgemein gewordene amerikanischjournalistische Art von Kunst- recte Künstler-Geschichten Fabrication ... so peinlich auf die Nerven", dass er nicht mittun wollte. Alexander Koester verwahrte sich dagegen, zu den Tiroler Künstlern gezählt zu werden. Auch Hubert Lanzinger wollte wissen, in wessen Gesellschaft er durch das Ausfüllen des Fragebogens gelange (und verweigerte trotz Erklärung seine Mitwirkung). Mancher geriet auch - rein menschlich - in Verlegenheit: Johann Schnitzer etwa unterstrich am 14. November 1925 zwar unter Stand "ledig", fügte jedoch hinzu "verehlichung (sic!) im Jänner 1926 ? (sic!)"! Artur Nikodem hingegen verweigerte - siehe Abbildung - durch Nichtausfüllen die Angabe zum Stand. - Viel Menschliches, auch zutiefst Erschütterndes, findet sich auf den 211 zurückgeschickten Fragebögen, die vom Heimatschutzverein "dem Landesmuseum Ferdinandeum, der Heimstätte tirolischer Kunst und Wissenschaft" übergeben wurden. Der Verein, der sich das Veröffentlichungsrecht vorbehielt, gab 2002 seine Zustimmung zur Herausgabe dieses für die Tiroler Kunstgeschichte der Zwischenkriegszeit so wichtigen Werkes.

 

Eine ähnlich wertvolle, auf demselben Weg entstandene authentische Materialsammlung, die Tiroler Bildhauer betreffend, erhielt das Ferdinandeum 1992 auf Vermittlung Karl Pfeifles von der Tiroler Künstlerschaft.

 

Mehr zu Artur Nikodem unter 1912


Artur Nikodem (1870-1940), Selbstbildnis, 1914
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 1071



Literatur
Gottfried Hohenauer, Artur Nikodem (Innsbruck 1961). - Gottfried Hohenauer / Georg Kierdorf-Traut, Werkverzeichnis Artur Nikodem (Münster 1961) 32. - Gert Ammann, Vom Impressionismus zum Jugendstil, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1983 (Innsbruck 1983) 248 (Abb.), 250, Kat.Nr. 130. - Günter Dankl, Artur Nikodem, in: Katalog Tiroler Kunst- und Antiquitätenmesse 1988 (Innsbruck 1988) Abb. 2. - Ellen Hastaba (Hg.), Tirols Künstler 1927 (= Schlern-Schriften 319, Innsbruck 2002).

 

Ellen Hastaba