Fastentuch aus Rietz, um 1490  

Fastentuch aus Rietz, um 1490

 

Tempera (?) auf Leinen, auf neue Leinwand aufgebracht, 290 x 348 cm

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. T 44

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Bei dieser Art von Fastentuch handelt sich um den sogenannten Felder-Typus, da in 15 Bildfeldern - in drei Reihen zu je fünf Feldern (Fragment?) - Szenen aus dem Neuen Testament auf die Leinwand gemalt wurden. Die Bilderfolge in der obersten Reihe zeigt von links nach rechts: Flucht nach Ägypten, 12-jähriger Jesus im Tempel, Einzug in Jerusalem, Abendmahl, Christus mit seinen Jüngern am Ölberg. In der mittleren Reihe sind die Darstellungen Gefangennahme Jesu, Christus vor Annas, Christus vor Kaiphas, Christus vor Pilatus und Geißelung zu sehen. Die unterste Reihe beinhaltet die Themen: Dornenkrönung, Ecce homo, Kreuztragung, Kreuzigung und Beweihung.

 

Hinsichtlich der künstlerischen Gestaltung bezeichnet Sörries, 64f, die Wirkung des Fastentuches als "naive Eindringlichkeit", die er insbesondere in der linearen Gestaltung von Mensch und Architektur, in der intensiven Farbigkeit und schematischen, ja mitunter stereotypen Darstellungsweise sieht, die der Bilderfolge eine äußerst ausdrucksstarke plakative Aussagekraft verleihen.

 

Ebenso wie das in den Schausammlungen des Ferdinandeums ständig ausgestellte Fastentuch von Obervintl (Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. T 45) gibt auch das Rietzer Fastentuch Zeugnis von der volkstümlichen mittelalterlichen Frömmigkeit: Fastentücher hatten während der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern eine Verhüllungsaufgabe zu erfüllen: Es war Brauch, sie in dieser Zeit am Chorbogen aufzuhängen, um zwischen der versammelten Kirchengemeinde und dem Geistlichen, also zwischen dem Altarraum mit seinem besonderen Schmuck und dem Kirchenschiff, einen Sichtschutz zu bilden und die Messfeier den Blicken der Gläubigen zu entziehen (Sörries, 9). Gleichzeitig führten sie aber auch den des Lesens unkundigen Gläubigen die Heilsgeschichte in Bildern vor Augen. Manche der noch erhaltenen Fastentücher weisen daher riesige Formate auf, wie beispielsweise jenes aus dem Gurker Dom, das ca. 80 m² umfasst (Sörries, 37). Aufgrund des Fehlens von alttestamentarischen Themen und der als Einleitung unüblichen Szene "Flucht nach Ägypten" in der obersten Reihe links, aber auch wegen seiner verhältnismäßig geringen Maße von nur drei übereinanderliegenden Reihen erscheint es möglich, dass das Rietzer Tuch oben beschnitten wurde. Ungewöhnlich ist auch seine Fertigungstechnik, da es nicht aus mehreren aneinander genähten Leinwandbahnen besteht, sondern aus Leinwandflächen in der Größe der einzelnen Bildfelder zusammengesetzt wurde (Sörries, 65).

 

Das Fastentuch aus Rietz bei Telfs wurde 1925 mit Mitteln aus dem Enzenberg-Fonds aus der dortigen Pfarre angekauft (EB 1925).


Jesus vor dem Hohen Priester. Detail aus dem Fastentuch aus der Pfarrkirche Rietz bei Telfs
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. T 44



Literatur
Hermann Handel-Mazzetti, Die Hungertücher und ihre historische Entwicklung, in: Die christliche Kunst 16 (1919/20) 190-196 und 210-219. - Gotik in Tirol, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1950 (Innsbruck 1950) 58, Kat.Nr. 158. - Spätgotische Kunst. Aus den Studiensammlungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1968 (Innsbruck 1968) Kat.Nr. 36. - Spätgotik in Tirol. Malerei und Plastik von 1450 bis 1530, Katalog Österreichische Galerie Oberes Belvedere Wien 1973 (Wien 1973) 102, Kat.Nr. 54, Abb. 52 (Ausschnitt). - Reiner Sörries, Die alpenländischen Fastentücher. Vergessene Zeugnisse volkstümlicher Frömmigkeit (Klagenfurt 1988) 62-65, Kat.Nr. 6, mit Abbn.

 

Eleonore Gürtler