Bozner Neujahrsentschuldigungskarte, 1867  

Bozner Neujahrsentschuldigungskarte, 1867

 

Mackner-Kessel (am Wege nach Sarnthal)
bez. li.: Seelos, bez. re.: Lith. Anstalt v. J. B. Kiene Bozen
Papier, 422 x 288 mm, Chromolithographie

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 4966

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"Die bisher beobachtete Sitte der Glückwünsch-Besuche zum neuen Jahr ist außer Uebung gesetzt, und dafür sind Entschuldigungs-Karten eingeführt worden, zu deren Erlangung ein dem Armenfonde gewidmeter kleiner Betrag entrichtet wird." Diese, laut Mitteilung di Paulis, von Klagenfurt übernommene Neuerung, von der der Tiroler Bote am 30. Dezember 1819 berichtete, begrüßten die Innsbrucker begeistert: Innerhalb von vier Tagen wurden 615 Karten zum Preis von 24 kr. verkauft, die dem Einmaleins zum Trotz einen Gewinn von 602 fl. 5 kr. einbrachten; Kommentar des Berichterstatters: "Ein unzweideutiger Beweis, wie empfänglich für alles Edle, und Gute die Bewohner dieser Stadt sowohl, als jene der ganzen Provinz bei jeder Gelegenheit sich beweisen." Auch zierte die erste Innsbrucker Neujahrsentschuldigungskarte das Motto: "Wohltun ist die schönste Sitte"! Poetischer gab man sich in Bozen ("In dem Wunsche flieht das Wort, in dem Werke lebt es fort"), wo man ebenso wie in Trient und Bregenz sogleich diese vom Landesgouverneur Karl Graf Chotek propagierte Idee übernahm. Ihr Erfolg beruhte darauf, dass die Namen der Kartenkäufer öffentlich bekannt gegeben wurden, was die Spendenfreudigkeit anspornte. Im folgenden Jahr engagierten sich gleich mehrere Prominente für die gute Sache: "Deshalb sind Se. Excell. der Herr Landes-Gouverneur, Se. Excell. der Herr Präsident des Appellations- und Kriminal-Obergerichts [= Andreas Alois di Pauli], und der Herr Kommandierende dieser Provinz übereingekommen, dieser edlen Sitte auch im heurigen Jahre zu folgen, und, so viel es an ihnen liegt, die Lösung von Entschuldigungskarten an die Stelle der Glückwunsch-Besuche zum neuen Jahre zu setzen."

 

Die ausgewählte Lithographie schenkte der Bozner Schuldirektor Hans Nicolussi mit weiteren fünf Bozner Neujahrsentschuldigungskarten (EB 1924). Sie sind heute Teil des chronologisch geordneten FB-Bandes 4966, welcher ausschließlich Bozner Blätter enthält: Das älteste darin stammt aus dem Jahr 1833, das jüngste wurde 1903 ausgegeben. Die Entwicklung ging von kleinen Formaten mit einfacher Dekoration zu großen Blättern mit topographischen Abbildungen, die in den 60er Jahren mit Motiven von Seelos (Gustav?; sicher von ihm: 1865; Gottfried?) und A. Mahlknecht (1870) ihren Höhepunkt erlebten, dann zeitweise wieder auf den Schriftzug "Zum Besten der Armen" (1871) oder einfachere Darstellungen reduziert wurden.

 

Aus über 50 Tiroler Orten - von Algund bis Zirl - besitzt das Ferdinandeum Neujahrsentschuldigungskarten, worunter auch ganz aktuelle sind, denn mancherorts (z. B. in Hall in Tirol) wird dieser Brauch, der meist um die Jahrhundertwende abbrach, wiederbelebt.

 

Weitere Abbildungen von Neujahrsentschuldigungskarten siehe unter 1848 und 1884


Älteste Tiroler Neujahrsentschuldigungskarte, ausgegeben in Innsbruck, 1819/1820
Bibliothek, FB 4965



Literatur
Wiederholte Berichte über die Einführung von Neujahrsentschuldigungskarten in: Kaiserlich Königlich privilegirter Bothe von Tyrol (bzw: ... Bothe von und für Tirol und Vorarlberg) 30. 12. 1814 (403), 7. 12. 1820 (296), 19. 2. 1827 (57) etc. - [Andreas A. di Pauli], Brief di Paulis an J. Ahorner, Innsbruck, 7. 2. 1830 (FB 2606; darin Mitteilungen über Ursprung wie Verbreitung der Neujahrsentschuldigungskarten). - Manfred Woditschka, Die Neujahrs-Entschuldigungskarte. Zum 150jährigen Jubiläum einer sinnvollen Einrichtung, in: Amtsblatt der Landeshauptstadt Innsbruck 33/1 (Innsbruck 1970) 12. - Josef Fontana, Von der Restauration bis zur Revolution (1814-1848). In: Josef Fontana / Peter W. Haider / Walter Leitner u. a.: Geschichte des Landes Tirol 2 (Bozen-Innsbruck-Wien 1986) 657ff. - Zu Gottfried, Ignaz und Gustav Seelos: Karl Kraus, Die Brüder Seelos. Maler des Spätbiedermeier zwischen Bozen und Wien, Katalog Ausstellung Rizzolli-Haus Bozen 1993 (Bozen 1993).

 

Ellen Hastaba