Ansprüche Italiens auf Bestände des Museums Ferdinandeum  

Ansprüche Italiens auf Bestände des Museums Ferdinandeum

 

abgebildet: Italienische Besatzungstruppen vor dem Ferdinandeum

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Mit der Abtrennung Südtirols vom übrigen Tirol nach dem Ersten Weltkrieg geriet auch das Ferdinandeum in große Schwierigkeiten. Bereits Anfang des Jahres 1919 forderte Italien die Herausgabe von historisch bedeutsamen Objekten, insbesondere von Kunstwerken und Altertumsfunden aus dem Besitz des Ferdinandeums. Interessiert war Italien vor allem an den Trentiner Exponaten, insbesondere am langobardischen "Fürstengrab von Civezzano" (mehr dazu unter 1885). Der Kommissär der italienischen Regierung wurde vom Vereinsvorsitzenden wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass das Museum Ferdinandeum weder ein "Staats- oder Landes Institut" sei, sondern den Status eines Privatinstitutes habe. Die Italiener begründeten ihren Rechtsanspruch damit, dass die Erwerbung der Objekte zum Teil aus den Steuergeldern des italienischen Landesteiles finanziert wurde. Das Museum stellte sich auf den Standpunkt, dass ein Rechtsanspruch der italienischen Regierung nicht bestehe, da der österreichische Staat und das Land Tirol für Kunstpflege und Museumszwecke in Südtirol bzw. dem italienischen Landesteil so viel beigetragen habe, dass dies die Steuerbeiträge der italienischen Bevölkerung bei weitem überbiete. Außerdem kündigte der damalige Vorstand Franz von Wieser an, sich bis aufs äußerste gegen eine Abgabe zu wehren (Protokoll über die Ausschusssitzung, 10. Februar 1919).

 

Das Landeskonservatorat übergab dem Delegierten des Landes Tirol für die Friedensverhandlungen in Paris ein Memorandum betreffend den Schutz der Sammlungen des Ferdinandeums (Protokoll über die Ausschusssitzung, 17. Mai 1919). Aufgrund des Artikels 192 des Friedensvertrages, der den Anspruch Italiens auf privaten Vereinsbesitz unterband, wurde Italien sogar die Einsichtnahme in die Inventare des Ferdinandeums verboten (Protokoll über die Ausschusssitzung, 6. November 1919).

 

Als die internationale Reparationskommission für den 12. Februar 1920 ihren Besuch ankündigte, erbat der Museumsvorstand vom Staatsamt für Unterricht Verhaltensmaßregeln für die Verhandlungen. "Ferdinandeum außer Diskussion", lautete die kurze, aber beruhigende Antwort des Ministeriums (Protokoll über die Ausschusssitzung, 11. März 1920). Dennoch erhoben die Italiener, auch nach einem zusätzlich abgeschlossenen Sonderabkommen über den Kunstbesitz, in den folgenden Jahren Ansprüche auf Objekte des Ferdinandeums.

 

Insgesamt mussten nur einige Leihgaben von Gemeinden aus Südtirol sowie Leihgaben aus dem Trentino, nämlich ein Fahnenband aus Primiero, 13 Freskenkopien von Sabbionara, sieben Trienter Bischofsurkunden und 250 Urkunden des Trienter Klarissenklosters, abgegeben werden (Egg, 68f).

 

Zu den Ansprüchen Italiens auf Bestände des Ferdinandeums siehe auch unter Chronik 1940 und Chronik 1941


Literatur
Erich Egg, Chronik des Ferdinandeums 1823 bis 1973, in: Veröffentlichungen des Museum Ferdinandeum 53 (1973) 67-69. - Josef Riedmann, Das Bundesland Tirol (1918-1970) (Geschichte des Landes Tirol 4/II, Bozen-Innsbruck-Wien 1988). - Farbabbildung entnommen aus: Calendario d'oro del III° Corpo d'Armata, Agosto 1919.

 

Claudia Sporer-Heis