Grabstein  

Grabstein

 

1. Jahrhundert n. Chr.
Riva (Provinz Trient)
Kalkstein
H 205 cm, B 87 cm, nach oben mit Rundbogen abschließend, nach unten in einen 37 cm breiten rechtwinkeligen Vorsprung endend

Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.-Nr. U 8.653

Bild vergrößern ...

 


Der Grabstein wurde 1889 vom Freiherrn Alois Joseph Maria von Menghin-Brezburg auf dem seiner Familie gehörigen Grundstück "Belli" im Westen der am Fuße des Monte Brione gelegenen Fraktion S. Alessandro ausgegraben. Er lag innerhalb einer Umfriedung, in der Nähe wurden mehrere Brandgräber gefunden, die aus Falzziegeln aufgebaut waren. Der Stein lag bei seiner Auffindung mit der Schriftseite nach unten.

 

Der sorgfältig gemeißelte Grabstein zeigt unten einen 37 cm breiten rechtwinkeligen Vorsprung, der zum Einlassen in das Fundament bestimmt war. Das untere Drittel nimmt eine moderne Inschrift ein, in dem sich der Freiherr von Menghin-Brezburg nachträglich verewigt hat. Das römische Schriftbild nimmt etwa die oberen zwei Drittel der Fläche ein und wird von einer profilierten Hohlkehle umrahmt. Die Inschrift lautet:

 

L · TINNAVIO
ROBIAE · VI VRO
BRIXIAE
L · TINNAVIVS QVART
ET · LVBIAMVS · FILII ·
FAC · CVR

 

Auflösung: L(ucio) Tinnavio / Robiae VI viro / Brixiae / L(ucius) Tinnavius Quart(us) / et Lubiamus filii / fac(iendum) cur(averunt).

 

Übersetzung: Dem Lucius Tinnavius Robia, Sevir von Brescia, haben die Söhne Lucius Tinnavius Quartus und Lubiamus den Grabstein gesetzt.

 

Die "Seviri", ein aus sechs Mitgliedern bestehendes Gremium, hatten wohl sakrale Funktion. Sie gehörten zu den "Apparitores", die als Sklaven, Freigelassene oder Bürger dem Magistrat und den Priestern dienten. Dieses öffentliche Amt bekleidete der auf diesem Grabstein verewigte L. Tinnavius Robia in Brescia, wobei wir nicht wissen, ob er von Riva aus sein Amt bekleidete oder ob er in Brescia lebte und von dort aus zur Beisetzung in die Familienbegräbnisstätte nach Riva gebracht wurde.

 

Bemerkenswert ist, dass der Grabstein während der Verteidigung Alttirols gegen Italien am 3. März 1916 (EB 1916; Zs TLMF 1920, XXX, Nr. 3) vom Freiherr von Menghin dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum übergeben wurde, wohl ein Ausdruck Alttiroler Einheitsdenkens. Von den bekannten Tiroler Grabsteinen ist dieser Inschriftenstein einer der schönsten, der sich durch einfache Form und ausgewogenes Schriftbild - ein "Markenzeichen" des 1. Jahrhunderts n. Chr. - auszeichnet.


Literatur
Luigi de Campi, Il sepolcro di un "seviro" bresciano presso Riva, in: Atti della i. r. Accademia di scienze lettere ed arti degli Agiati in Rovereto, ser. III, 17 (1911) 321-332. - Franz von Wieser, Ein römischer Grabstein aus Riva, in: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, 3. F., 59 (1915) 306-309. - Pasquale Chisté, Epigrafi Trentine dell'età Romana (Società Museo Civico Rovereto 75, Calliano 1971) 209 Nr. 167; Fig. 143.

 

Anton Höck