Reliquienschrein, um 1270/80  

Reliquienschrein, um 1270/80

 

Süddeutsch (?)
Tempera über Goldgrund und Kreideschicht auf Leinwand über Nadelholz, 42 x 82 x 27 cm, Unterklebung mit Pergamentstreifen, Kanten und Brettstöße mit Pergamentstreifen überklebt

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 1446

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Der Schrein ist in Hausform mit Satteldach gezimmert und lässt sich auf der Rückseite durch die aufklappbare Dachfläche öffnen. Am First waren neun Holzknöpfe als Zierat angebracht. Das obere Bildfeld auf der Dachschräge zeigt Christus in der Mandorla als Weltenrichter in der Mitte, zu seinen Füßen knien zwei Mönche in grauen Kutten als Stifter. Seitlich der Mandorla stehen links Maria und rechts Johannes d. T. Hinter Maria reihen sich nach links Johannes Evang., ein Engel mit der Dornenkrone und der Lanze und ein Posaunenengel mit den Seligen. Hinter Johannes d. T. steht ein Engel mit dem Kreuz, es folgen Georg als ritterlicher Heiliger und der Posaunenengel, der sich den Verdammten im Drachenmaul zuwendet. Im unteren Bildstreifen sitzen elf Apostel, in der Mitte Petrus mit Schlüssel, flankiert von Paulus links und Johannes (?) rechts. Außen flankieren die Reihe der Apostel links Dominikus im schwarzen Habit und rechts Franziskus in grauer Kutte.

 

In einem Urbar des Zisterzienserstiftes Stams wird die Kapelle zum hl. Georg in Serfaus 1333 erstmals genannt. Sie war aufgrund der Reliquiensammlung ein vielbesuchter Wallfahrtsort. Der Bezug zur Georgskapelle ist auch durch die Darstellung des hl. Georg und die ursprünglich im Schrein befindlichen Reliquien von über hundert Heiligen, darunter einem "eineinhalb Schienbein" des hl. Georg, offenkundig. Die Legende besagt, dass ein in Tschuppach nahe Tösens erkrankter Kardinal den Schrein für St. Georg bestimmt habe. Stilistisch zeigt die Malerei im Zackenstil eine Orientierung an den Mittelrhein (Wischounig), Oberhammer nennt Stil und Technik auf den oberrheinischen Raum weisend.

 

Der Serfauser Pfarrer Chrysanth Stigger war bereit, den Reliquienschrein um 2000 Kronen dem Ferdinandeum zu verkaufen (MA 1903, 25). Auf Anregung des Kunsthistorikers Dr. Riegl in Wien hatte Dr. Wieser am 6. Mai 1903 das fürstbischöfliche Ordinariat zu Brixen um die Ankaufsgenehmigung ersucht (MA 1880, 185). Am 25. Juni 1903 stimmte das Ordinariat dem Verkauf um 4000 Kronen zu; die k. k. Statthalterei erteilte am 8. Juli 1903 die Genehmigung (MA 1903, 281). Bischof Aichner wollte allerdings den Schrein einem Kloster überlassen, das 4000 Kronen zu zahlen bereit war. Auch die Zentral-Kommission für kunst- und historische Denkmale in Wien (2. Juni 1903, Z 949) bat den Fürstbischof, den Verkauf ans Ferdinandeum zu bewilligen. Da der Betrag im Budget von 1903 nicht vorgesehen war, bat Vorstand Wieser um Unterstützung durch das Ministerium, welches am 22. Mai 1903 1500 Kronen zusicherte. Im Dank an das Ministerium wird der Kaufpreis mit 4000 Kronen angegeben (MA 1903, 184).


Literatur
Hermann Julius Hermann, Der Reliquienschrein von St. Georg in Serfaus, in: Jahrbuch der k. k. Zentral-Kommission für Erforschung und Erhaltung der kunst- und historischen Denkmale, N. F., 1 (1903) 290-311. - Alfred Stange, Romanische Tafelmalerei, in: Münchner Jahrbuch für Kunstgeschichte (1930) 171ff. - Vinzenz Oberhammer, Reliquienschrein aus St. Georg bei Serfaus. In: Gotik in Tirol, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1950 (Innsbruck 1950) 16f, Kat.Nr. 6. - Josef Wischounig, Der Reliquienschrein aus St. Georg bei Serfaus in Tirol. Phil. Diss. (Wien 1993). - Eleonore Gürtler, Reliquienschrein aus St. Georg bei Serfaus. In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. - Das Werden Tirols, Katalog der Tiroler Landesausstellung Schloß Tirol - Stift Stams (Dorf Tirol-Innsbruck 1995) 468, Kat.Nr. 18.25. - Manfred Koller, Technologische Untersuchungen zur Tafelmalerei des 12. und 13. Jahrhunderts in Österreich, in: Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 89 (1997) 162ff.

 

Gert Ammann