Andenkondor  

Andenkondor

 

Vultur Gryphus (Linné 1758) - ♀ iuv.
Dermoplastik

Naturwissenschaftliche Sammlungen, Inv.-Nr. Ornithologie, 367

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Ein junger Kondor aus der Familie der Cathartidae (Neuweltgeier), deren Ähnlichkeit mit den Altweltgeiern auf Konvergenz zurückzuführen sein dürfte und die einige Autoren auf Grund vergleichender anatomisch-morphologischer und ethologischer Untersuchungen in die Nähe der Ciconiiformes (Schreitvögel) einreihen (König 1982), wurde am 28. August 1900 in der Nähe der Konstanzer Alpenvereinshütte im Fasultal/Verwallgruppe (St. Anton am Arlberg SW) vom Schafhirten Anton Tschiderer (1881-1941) lebend gefangen. Zuvor hatte der aus Glittstein bei See im Paznauntal stammende Hirte den Verlust mehrerer Schafe zu beklagen. Er lockte den Prädator mit einem ausgelegten Schafsköder in einen "Herd" (ein sich nach oben verjüngender, oben offener Steinkegel), aus dem der Vogel nicht mehr entkommen konnte.

 

Anschließend wurde dieser nach St. Anton gebracht und war im Hotel Post "in würdiger Repräsentanz" (Neue Tiroler Stimmen, 3. 9. 1900, 2) zu betrachten. Durch die auftretenden Determinationsprobleme dieses außergewöhnlichen Fanges waren die Printmedien über Wochen hindurch mit der Berichterstattung beschäftigt: In den "Innsbrucker Nachrichten" wird eine Woche nach dem Fang von einem Steinadler berichtet, im "Boten für Tirol und Vorarlberg" und den "Neuen Tiroler Stimmen" von einem Lämmergeier und "daß der respectable Vogel, der eine Höhe von 1,2 Meter und eine Flugweite von 2,5 Meter hat" (Neue Tiroler Stimmen), von einem zufällig anwesenden Photographen verewigt wurde (Bote für Tirol und Vorarlberg 203 (1900) 1809).

 

Sich auf einen Sachkundigen berufend, informieren die "Innsbrucker Nachrichten" am 13. September 1900 ihre Leser, dass es sich um keinen Lämmergeier, sondern um einen jungen Kuttengeier handelt und er "eine Zierde für jede Sammlung in Tirol gefangener und erlegter Vögel sei". Durch Vermittlung von Carl Schuler, Besitzer des Hotels Post in St. Anton am Arlberg, konnte der Kondor um 70 Kronen für das Museum erworben werden (MA 1900, 294). Am 18. September wurde das Tier durch Dr. Riwicka getötet und Herrn Ernst Zollikofer (1859-1930) in St. Gallen zur Präparation gesandt (MA 1900, 294, 378).

 

Erst Dr. med. Georg Albert Girtanner (1839-1907), Freund des Präparators, der sich neben seinem Beruf intensiv mit Ornithologie, insbesondere mit dem Bartgeier beschäftigte, konnte die Artzugehörigkeit verifizieren (Girtanner, 358). Nach umfangreichen Recherchen wurde von ihm auch die Herkunft des Kondors geklärt: Er war am 9. Juli desselben Jahres um 4 Uhr Nachmittag vor den Augen zahlreicher Besucher aus dem Zoologischen Garten in Marseille entkommen (Innsbrucker Nachrichten 52 (1901) 3).


Literatur
Fang eines Steinadlers, in: Innsbrucker Nachrichten 201 (3. 9. 1900) 3. - St. Anton, 2. Sept. (Ein Lämmergeier), in: Extra Beilage zum Boten für Tirol und Vorarlberg 203 (5. 9. 1900) 1809. - St. Anton am Arlberg, 3. Sept. (Der Lämmergeier nicht ausgestorben), in: Neue Tiroler Stimmen 203 (5. 9. 1900) 2. - Fang eines Kuttengeiers, in: Innsbrucker Nachrichten 209 (13. 9. 1900) 4. - Albert Girtanner, In den Tiroler Alpen als Lämmergeier gefangener Kondor der Anden Südamerikas, in: Der Zoologische Garten 41 (Frankfurt a. M. 1900) 358. - (Fang eines Kondors in Tirol), in: Innsbrucker Nachrichten 52 (4. 3. 1901) 3. - Claus König, Zur systematischen Stellung der Neuweltgeier (Cathartidae), in: Journal für Ornithologie 123/3 (Berlin 1982) 259-267.

 

Wolfgang Neuner