Votivstatue des Grafen Leonhard von Görz, um 1470  

Votivstatue des Grafen Leonhard von Görz, um 1470

 

Brunecker Bildschnitzer
Wachs über Holzkern, H 137 cm, vollrund

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. P 46

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Die Figur zeigt einen knienden Mann mit zum Gebet gefalteten Händen. Das Antlitz und die Hände sind sichtbar aus Holz geschnitzt und gefasst, die übrigen Teile wie Haare, Mantel mit Pelzkragen und Hut sind aus Bienenwachs modelliert und über einen Holzkern gezogen. Die Skulptur stammt aus der Kirche St. Sigmund im Pustertal und stellt den letzten Görzer Grafen, Leonhard V., dar. Leonhard von Görz regierte von 1462 bis zu seinem Tod im Jahre 1500 auf Schloss Bruck in Lienz. Nach seinem Tod ging die Grafschaft Görz an König Maximilian I. und damit an Tirol.

 

Aufgrund einer Zeichnung bei Roschmann, 6, war die Figur mit görzischem Wappen auf einer Wandkonsole dem Hochaltar zugewandt an der linken Chorwand des Gotteshauses aufgestellt. Der Hut lag neben der Figur und wird von Stiassni, 74, als Pilgerhut gedeutet. Die Rückseite der Figur ist voll ausgebildet, sie war demnach auch von rückwärts einsehbar. Roschmann notierte: "Auf der Evangeli seyten beym hochaltar khnüet in Lebens Gröss in Wachß posirt ain Herzog v[on] Görz (:wie es das angeheffte Wappen gibet:) in schen Langen Haaren, und Rockh mit Belz vorgeschossen."

 

Die Kirche St. Sigmund im Pustertal wird 1363 erwähnt, den heutigen Bau richtete Meister Friedrich von Pfalzen 1449 auf, Valentin Winkler vollendete ihn 1489.

 

Nach der Tradition waren diese Votivfiguren dem Lebendgewicht des Dargestellten gleich.

 

Am 12. Dezember 1897 verkaufte die Kirchenverwaltung und Gemeindevertretung von St. Sigmund im Pustertal im Einverständnis des Fürstbischofs von Brixen (7. Dezember 1897) und des Propstes Remigius Weissteiner von Neustift (1. Dezember 1897) die Wachsstatue dem Museum um 1600 Gulden (MA 1898, 46). Am 12. Februar 1898 quittierte der Kaplan Ferdinand Plaikner von St. Sigmund den Erhalt von 800 Gulden, am 19. Dezember 1898 übergab der Museumsvorstand, Franz von Wieser, 800 Gulden als zweite Rate. Die k. k. Statthalterei erteilte am 24. Mai 1898 die Genehmigung des Verkaufes (MA 1897, 202). Das k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht hatte am 8. Juni 1898 die Zahlung von 1600 Gulden als Beitrag für das Museum bewilligt.

 

Die Skulptur ist nicht nur innerhalb der Gotiksammlung ein Unikat, sondern auch in der Porträtbildnerei ein markantes Bildwerk. Als Werk eines Pustertaler Bildschnitzers reiht sich die Figur in die Gruppe von Skulpturen des Meisters der Sonnenburger Küniglaltäre und der Tafelbilder des Simon von Taisten ein.


Leonhard von Görz, Zeichnung von Anton Roschmann, 1747
Bibliothek, Dip. 1089/II, 6



Literatur
Anton Roschmann, Statt Brauneggen vnd dero Gegenden Sambt Denen Gerichteren St. Michelsspurg, Schönegg, vnd Herrschafft Tauffers vntersucht (1747), Manuskript, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Bibliothek, Dip. 1089/II, 6. - Robert Stiassni, Ueber Wachsfiguren mit Beziehung auf eine seltsame Votivstatue, in: Kunstfreund 16 (1900) 73-86. - Julius von Schlosser, Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 29 (1919/11) 212. - Theodor Müller, Zur Erforschung der spätgotischen Plastik Tirols, in: Veröffentlichungen des Museum Ferdinandeum 20/25 (1947) 84f.

 

Gert Ammann