Dünnschnabelbrachvogel  

Dünnschnabelbrachvogel

 

Numenius tenuirostris (Vieillot 1817)
Dermoplastik

Naturwissenschaftliche Sammlungen, Inv.-Nr. Ornithologie, 144

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Der zur Familie der Scolopacidae (Schnepfen) zählende Dünnschnabelbrachvogel, dessen derzeitige Population weltweit auf 50-270 Individuen geschätzt wird (Hagemeijer/Blair, 765), gilt als die seltenste europäische Vogelart (Collar).

 

Die einzigen gesicherten Brutnachweise sind jene aus den Jahren 1914 und 1924. Sie stammen aus einem ausgedehnten Übergangsmoor-Komplex in der Nähe von Tara am Irtysch in Westsibirien, charakterisiert durch Sphagnum-Schwingrasen, Seggen- und Schachtelhalm-Sümpfe, purpurweiden- und birkenbestockte Inseln. Gezielte Nachsuchen seit dem Jahr 1989 in den potentiellen asiatischen Brutgebieten erbrachten keinen rezenten Brutnachweis, sie werden in den kommenden Jahren westlich des Uralgebirges im Bereich der beiden Flüsse Wolga und Ural sowie Teilen von Kasachstan intensiv fortgesetzt (Hagemeijer/Blair, 765). Auf dem Zug in ihre Überwinterungsgebiete Nordafrika und Irak passieren die Dünnschnabelbrachvögel Kasachstan, Turkmenistan, das Kaukasusvorland und die Schwarz- und Mittelmeergebiete. Als einziges mitteleuropäisches Land tangieren sie Ungarn mit einiger Regelmäßigkeit. Vor 1900 wurden große Wanderscharen registriert, die heute zu beobachtenden kleinen Trupps und die Vergesellschaftung mit dem Großen Brachvogel dokumentieren die negative Bestandsentwicklung und das allmähliche Erlöschen dieser Art, dessen Ursache möglicherweise in der starken Bejagung im Wintergebiet zu suchen ist. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts liegen aus Österreich rund zehn anerkannte Beobachtungen vor (Glutz, 295), die letzten Nachweise stammen aus dem Rheindelta aus den Jahren 1980 und 1985 (Ranner, 75). Wie Landmann, 88, nachweist, sind Angaben Osttirol betreffend irrtümlich in der ornithologischen Literatur zitiert worden.

 

Der Dünnschnabelbrachvogel in der Sammlung wurde Anfang 1896 am Brenner gefangen (EB 1896, 5, 329), von einer "Botin aus dem Wippthaler Gebiete ... zu Markte" gebracht (Tschusi, 7(3), 120) und im Oktober desselben Jahres nach Revision der ursprünglichen Determination (MA 1896, 329; Tschusi 7(6), 241) um 5 Gulden von Herrn Ed. Kogler für das Museum erworben (EB 1896, 5). Tschusi berichtet im Ornithologischen Jahrbuch (7(3), 120; 7(6), 241) über diesen Irrgast unserer Avifauna, auf den sich auch beide Angaben im Tiroler Vogelbuch (Walde/Neugebauer, 131-132) beziehen (Leisler, 11-12). Je ein weiteres Belegstück aus Österreich befindet sich in der ornithologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums in Wien (nach 1857 im burgenländischen Hanság erlegt) bzw. im Museum St. Gallen/Schweiz (dat. 4. April 1865, Lustenau/Vorarlberg) (Glutz, 295).


Literatur
Viktor von Tschusi, Otis tarda und Numenius phaeopus in N.-Tirol, in: Ornithologisches Jahrbuch 7/3 (Hallein 1896) 120. - Viktor von Tschusi, Nicht Numenius phaeopus, sondern tenuirostris in Tirol, in: Ornithologisches Jahrbuch 7/6 (Hallein 1896) 241. - Kurt Walde, Hugo Neugebauer, Tiroler Vogelbuch (Innsbruck 1936). - Bernd Leisler, Dünnschnabel-Brachvogel (Numenius tenuirostris) im Neusiedlersee-Gebiet, in: Egretta 5/1 (Wien 1962) 10-13. - Urs N. Glutz von Blotzheim / Kurt M. Bauer / Einhard Bezzel, Handbuch der Vögel Mitteleuropas 7/2 (Wiesbaden 1977) 289-299. - N. J. Collar / M. J. Crosby / A. J. Stattersfield, Birds to watch 2. The World List of Threatened Birds (BirdLife Conservation Series 4, Cambridge 1994). - Andreas Ranner / Johannes Laber / Hans-Martin Berg, Nachweise seltener und bemerkenswerter Vogelarten in Österreich 1980-1990, in: Egretta 38/2 (Wien 1995) 59-98. - Armin Landmann, Artenliste und Statusübersicht der Vögel Tirols, in: Egretta 39/1-2 (Wien 1996) 71-108. - Ward J. M. Hagemeijer / Michael J. Blair, The EBCC Atlas of European Breeding Birds. Their Distribution and Abundance (London 1997).

 

Wolfgang Neuner