Hasenjagd auf einer Situla  

Hasenjagd auf einer Situla

 

5. Jahrhundert v. Chr.
Welzelach-Berg, Grab 23
Bronze

Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.-Nr. U 2.465

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Einer der bedeutendsten prähistorischen Funde des Osttiroler Raumes ist die figuralverzierte Bronzesitula aus dem eisenzeitlichen Brandgräberfeld Welzelach-Berg, die k. k. Forstadjunkt und späterer Forstkommissär in Kitzbühel Alexander Schernthanner, 1891 zum Ehrenmitglied des Ferdinandeums ernannt, anlässlich seiner Grabungen 1890/91 aus dem Steinkistengrab Nr. 23 barg und als Geschenk dem Ferdinandeum überließ (EB 1890; 1891; MA 1890, 104; 1891, 115; JB 1890-1891, XIII, XXIX; 1891-1892, XXIII; 1892-1893, XXII). Die Beigaben (Lippert, 73f) - ein eisernes Lappenbeil, eine Lanzenspitze, ein Eisenmesser sowie ein Wetzstein - weisen diese Brandbestattung als Männergrab des 5. Jahrhunderts v. Chr. aus.

 

Die summarische Vorlage der 56 ergrabenen Brandgräber erfolgte durch Franz von Wieser (Wieser 1894) unter Einbindung der von Alexander Schernthanner angefertigten Rekonstruktionszeichnung der stark fragmentierten Situla. Die erhaltenen Bruchstücke zeigen im untersten Fries Steinböcke, die von einem Raubtier aufgelauert werden, in den zwei darüber liegenden Zonen ein Fest mit sakralem Charakter: u. a. die Prozession von Zisten-tragenden Frauen und behelmten Syrinxbläsern, Szenen mit Zechern, die von Frauen mit Wein bedient werden und - die so genannte Hasenjagd: ein dolchbewaffneter Mann in geschwungenem Röckchen stellt mit einer Wurfkeule (Lagobolon) zwei Hasen nach (Lucke/Frey).

 

Bildliche Darstellungen eines Festes - Chiffren für mythisches Geschehen, festlich umgesetzt im Toten- oder Fruchtbarkeitskult - zeigen auch die 1899 erworbene Situla von Sanzeno (EB 1899) und jene 1845 beim Straßenbau aus dem Gräberfeld in Mühlbachl geborgenen Situlenbruchstücke von Matrei am Brenner (EB 1845; JB 1845, XXXI) u. a. mit der Darstellung von elf schreitenden Männern in langen hemdartigen Gewändern sowie einer Faustkampfszene.

 

Die Fertigung dieser eimerförmigen Bronzegefäße (Situlen) mit szenischen Darstellungen und der figürlich verzierten Gefäßdeckel von Mechel, erworben um 1900 (Zemmer-Plank, 293f), erfolgte in einer zentralalpinen bronzeverarbeitenden Werkstätte im Etschtal nach südostalpinen Vorbildern.


Situlafragment mit Faustkampfszene, Bronze
Matrei am Brenner, 5. Jh. v. Chr.
Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.Nr. U 2.274



Literatur
Alexander Schernthanner, Beschreibung einiger prähistorischer Ausgrabungen in Tirol, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 23 (1893) [59]-[62]. - Franz von Wieser, Das Grabfeld von Welzelach. In: Beiträge zur Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte von Tirol. Festschrift zur Feier des 25jährigen Jubiläums der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft, 24.-28. August 1894 in Innsbruck (Innsbruck 1894) 261-277. - Andreas Lippert, Das Gräberfeld von Welzelach (Osttirol). Eine Bergwerksnekropole der späten Hallstattzeit (Antiquitas 3/12, Bonn 1972). - Wolfgang Lucke / Otto Hermann Frey, Die Situla in Providence (Rhode Island) (Römisch-Germanische Forschungen 26, Berlin 1962). - Liselotte Zemmer-Plank, Situlenkunst in Tirol, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 56 (1976) 289-337.

 

Wolfgang Sölder