Reliquienbehälter  

Reliquienbehälter

 

frühes 5. Jahrhundert n. Chr.
Sanzeno, Santa Maddalena (Provinz Trient)
Kalkstein und Silber
Maße Silberpyxis: L 4,9 cm, B 2,5 cm, H 2,2 cm

Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.-Nr. U 7.799 und 7.800

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Das Reliquiar besteht aus zwei Teilen: Als äußere Hülle fungiert ein schmuckloses Kistchen aus feinem Kalkstein von 22,5 cm Länge, 15 cm Breite und 9,5 cm Höhe. Dieses Steinreliquiar mit Deckel besitzt einen Hohlraum von 18 cm Länge, 10,5 cm Breite und 6,5 cm Tiefe, in dem das Silberreliquiar verwahrt war. Der Steinbehälter ist im Verhältnis 3 : 2 : 2 konzipiert und ausgeführt worden. Der Deckel des Steinbehälters besitzt Eckakrotere sowie einen umlaufenden Falz, sodass er beim Schließen nicht verrücken konnte. Die Form ist die eines kleinen Sarkophages: ein passendes Behältnis für die hier verwahrten Märtyrerpartikel.

 

Die Schachtel und der Deckel der Silberpyxis sind aus je zwei Teilen zusammengesetzt, die jeweils miteinander verlötet wurden: ein nach dem Spanschachtelmodell hergestelltes Silberblechschächtelchen. Die Bodenplatte ist stark beschädigt. Der Grundriss ist in etwa breitelliptisch, die Langseiten sind in der Mitte leicht geschweift. Der übergreifende, breitrandige Deckel besitzt als Schmuck ein eingepunztes Kreuz lateinischer Form mit gespaltenen Balkenenden. Bei der Auffindung 1877 enthielt die Silberpyxis ehemals drei Stückchen eines schwärzlichen, papierdünnen Stoffes mit Spuren von Silberfäden, die heute nicht mehr vorhanden sind. Die Pyxis gehört zu den kleinsten bekannten frühchristlichen Reliquiaren.

 

Laut handschriftlichem Erwerbungsbuch wurde das frühchristliche Reliquiar am 14. Dezember 1877 ins Ferdinandeum gebracht (EB 1877), 1878 wird es erstmals gewürdigt (Zs TLMF 1878, 127).

 

Im Nonsberg war der Stamm der Anauni beheimatet, Sanzeno ist durch reiche prähistorische und römische Funde bekannt. Im 4. Jh. n. Chr. wurden von Vigilius - Bischof von Trient - Sisinnius, Martyrius und Alexander zur Missionierung der heidnischen Anauni entsandt. Die drei Missionare werden 397 vom Volk erschlagen und verbrannt. Das Reliquiar stammt wohl von der Gedächtniskirche, die für die Nonsberger Märtyrer erbaut wurde. Es gehört zu einer Reihe frühchristlicher Reliquiare, deren Häufung besonders im Nonsberg auffällt.


Literatur
Helmut Buschhausen, Die spätrömischen Metallscrinia und frühchristlichen Reliquiare. I. Teil: Katalog (Wiener byzantinische Studien 9, Wien 1972) 276-277 C8, Taf. 9. - Rudolf Noll, Ein Reliquiar aus Sanzeno im Nonsberg und das frühe Christentum im Trentino, in: Anzeiger der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse 109 (1972, Wien 1973) 320-330, Taf. 1-2. - Hannsjörg Ubl, Katalog. In: Severin. Zwischen Römerzeit und Völkerwanderung. Katalog Stadtmuseum Enns (Linz 1982) 573-574, Kat.Nr. 8.16.

 

Anton Höck