Herbarium Hippolyt Guarinoni, 1610 -1630  

Herbarium Hippolyt Guarinoni, 1610 -1630

 

Hippolyt Guarinoni (Trient 1571 - 1654 Hall)
Buch mit Schließbändern aus Leder, 330 x 210 mm

Naturwissenschaftliche Sammlungen, Inv.-Nr. Botanik, 01

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Das zwischen 1610 und 1630 in Buchform mit Holzdeckel und abgeschrägten Kanten angelegte Herbarium ist die älteste in Österreich entstandene Pflanzensammlung. Am Spiegelblatt befinden sich ein stark beriebener Kupferstich (48 x 61 mm) mit handschriftlichem Besitzervermerk sowie einer Etikette und einer späteren Eintragung des Wiltener Chorherrn Anton Perktold. Beginnend mit einem 13-seitigen lateinisch-deutschen Index enthält es auf 106 Seiten 633 aufgeklebte Pflanzen, die in der näheren Umgebung von Innsbruck gesammelt wurden. Circa 40 Zier-, Gemüse- und Arzneipflanzenbelege eröffnen einen Blick in die Tiroler Gartenkultur des frühen 17. Jahrhunderts. Exemplarisch sei auf einen Tulpenbeleg hingewiesen (siehe Abbildung). Die Tulpen, Mitte des 16. Jahrhunderts aus dem Orient importiert, erstmals am Hofe Kaiser Ferdinands I. in Wien angebaut, waren im 17. Jahrhundert ein beliebtes Spekulationsobjekt. Für besondere Sorten wie Semper Augustus wurden z. B. 1623 vom Tulpensammler Van Wassenaer 1000 Gulden bezahlt, zwei Jahre später infolge der in Holland herrschenden Tulpomanie ein Kaufangebot von 3000 Gulden für dieselbe Pflanze abgeschlagen (Krelage, 32-33).

 

Perktold (1804-1870), ein Pionier der Tiroler Kryptogamenforschung, der im Stift Wilten mit Stephan Prantner (1782-1873) ein "Botanisches Museum" aufbaute (Heufler, 4), erwarb das Herbar 1841 in Hall. Am 7. März 1876, sechs Jahre nach dem Tode Perktolds, schenkte Abt Johannes Freninger (1800-1876) nach einem schriftlichen Ansuchen von Hofrat Johann Kiechl diese Zimelie dem Ferdinandeum (MA 1876, 43, 46; schriftlicher Vermerk Herb. 14p.; JB 1877, 2). In den Folgejahren war das Herbar im Museum öffentlich ausgestellt (Dalla Torre 1891, 218). 1973 wurde es von Michael Klingler restauriert (u. a. das Papier und die Pflanzenbelege mittels Kunstharztränkung gefestigt).

 

Hippolyt Guarinoni, in Padua zum Doktor der Medizin promoviert, war ab 1598 Stiftsarzt des Königlichen Damenstiftes in Hall. Neben seiner umfangreichen publizistischen Tätigkeit zeichnet er auch für den ersten Zentralbau in Tirol, der Karlskirche in Volders (1620-1654), verantwortlich.

 

Das Herbarium, zu dem Publikationen von Kerner, Maiwald, Matouschek (10-12), Dalla Torre (1907/08, 137; 1924, 9; 1891, 218), Breit (40-54), Kostenzer, Gärtner und Neuner (124) vorliegen, vermittelt uns nicht nur einen Einblick in die botanische Systematik praelinnéscher Zeit, sondern ist auch ein einzigartiges Dokument früher floristischer Forschung in Tirol, das uns heute Vergleiche ermöglicht und auf die gravierenden ökologischen Veränderungen in unserem Land verweist.


Literatur
Ludwig von Heufler, Nachrichten über den Zustand der Botanik in Tirol. Vortrag, Trient am 4. April 1843, FB 2712. - Anton von Kerner, Das älteste Österreichische Herbarium, in: Österreichische Botanische Zeitschrift 16 (1866) 137-141, 172-179, 246-253, 319-324. - Karl Wilhelm von Dalla Torre, Josef Anton Perktold, ein Pionier der botanischen Erforschung Tirols, in: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, 3. F. 35 (1891) 212-218. - Vincenz Maiwald, Ein Innsbrucker Herbar vom Jahre 1748. Nebst einer Übersicht über die ältesten in Österreich angelegten Herbarien, in: Jahresbericht des öffentlichen Stifts-Obergymnasiums der Benedictiner zu Braunau in Böhmen am Schlusse des Schuljahres 1898 (Braunau 1898). - Franz Matouschek, Über alte Herbarien, insbesondere über die ältesten in Österreich angelegten, in: Mittheilungen aus dem Vereine der Naturfreunde in Reichenberg 32 (1901) 1-23. - Karl Wilhelm von Dalla Torre, Botanische Forschungstouren in Tirol bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, in: Deutsche Alpenzeitung 7/5 (1907/08) 136-140. - Karl Wilhelm von Dalla Torre, Die naturhistorische Erforschung Tirols. Innsbruck-Katalog 88. Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte zu Innsbruck (Leipzig-Jena 1924) IX-XV. - Ernst H. Krelage, Bloemenspeculatie in Nederland (Patria Vaderlandsche Cultuurgeschiedenis in Monografieen XXX, Amsterdam 1942). - Alfred Breit, Ältere Herbarien in Österreich und ihre geschichtliche Bedeutung. Phil. Diss. (Wien 1955). - Otto Kostenzer, Das älteste in Österreich angelegte Herbarium und sein Verfasser, Dr. Hippolyt Guarinoni, in: Österreichische Apotheker-Zeitung 28/51 (1974) 976-979. - Georg Gärtner, Botanisch-Historische Bemerkungen zum Herbar von Hippolyt Guarinoni. In: Festgabe für Erich Egg zum 65. Geburtstag (Innsbruck 1985) 114-123. - Wolfgang Neuner, Die Botanische Sammlung des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. In: ebenda, 124-133.

 

Wolfgang Neuner