Depotfund  

Depotfund

 

6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.
Obervintl
Bronze

Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.-Nr. U 2.308-2.315; 3.141-3.376

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"Beim Steinbruche an dem Platze nächst der ehemal. Hinrichtungsstätte an der Grenze von Sigmund etwa 20 Schritte von der Strasse" (EB 1871) stießen italienische Straßenarbeiter beim Schotterabbau (Lunz 1974, 162f ) in der Karwoche (3.-8. April) 1871 westlich von Bruneck auf der Waldterrasse "der Galgen" zwischen zwei großen Felsblöcken auf einen Depotfund aus mindestens 365 Bronzen, dessen größter Teil noch im selben Jahr von Georg Lechner, Obervintl, um 20 Gulden an das Ferdinandeum verkauft wurde (MA 1871, 77, 80), ein kleiner Komplex gelangte in das k. k. Staats-Gymnasium, später ins Stadtmuseum in Bozen, einige Funde ins Vinzentinum in Brixen (Lunz 1973, 69ff ); als Geschenk der Steiner'schen Antiquitätenhandlung in Innsbruck kamen weitere Stücke des Depotfundes erst im März 1872 in das Landesmuseum (EB 1872; MA 1872, 60; JB 1871-1872-1873, XXVf).

 

Der Komplex umfasst Bruchstücke von Beilen, Fibeln, Hals- und Armreifen, Fingerringen, Zierscheiben, Anhängern, Gürtelblechen und -haken, weiters Blechbänder, Attaschen und Griffe von Blechgefäßen, Halbfabrikate und einen Kupfergusskuchen (Winkler 1950). Die Gegenstände weisen bisweilen deutliche Merkmale absichtlicher Zerstückelung auf, somit ihre bewusste Entziehung dem profanen Gebrauch und ihre Umwandlung als Opfergabe an eine Gottheit. Der sakrale Charakter des am Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. niedergelegten Depots wird auch durch die von Luigi de Campi geschilderte Fundsituation verstärkt, "daß ... weder Kohle noch Asche, mithin keine Spur von Brand sich vorfand" und "sämtliche Gegenstände waren sorgsam zwischen den Steinen verwahrt", "disposti con un certo ordine" (Campi 1887, LXXI; Campi 1909, 368), ein Umstand, der eher auf die bewusste Thesaurierung der Bronzen verweist und gegen die Deutung als ein zum Einschmelzen bestimmtes Altbronzendepot spricht (Franz 1954, 60).

 

Gleichfalls in diesen kultisch-religiösen Kontext zu stellen sind weitere im Tiroler Landesmuseum verwahrte Bronzedepots: jenes von Innsbruck-Bergisel (EB 1876, JB 1874-1875-1876, 13) und das von Dercolo im Nonsberg (EB 1883; JB 1883, XXI): In einer Situla waren nebst Schmuckstücken (Fibeln, Anhänger, Kettengehänge) u. a. auch eine Garnitur von Losstäbchen und zwei halbplastische Pferdeprotomen, eines mit Inschrift im "Bozner Alphabet", deponiert worden.


Literatur
Luigi de Campi, Ein Massenfund alter Bronzen bei Obervintl im Pusterthale, in: Mitteilungen der Zentralkommission N. F. 13 (1887) LXXI-LXXVI. - Luigi de Campi, Ripostiglio di bronzi dell'età del ferro riconosciuti presso Ober-Vintl, in: Archivio per l'Alto Adige 4 (1909) 368-382. - Robert Winkler, Der Bronzen-Depotfund von Obervintl. In: Beiträge zur Vorgeschichte des westlichen Pustertales (Schlern-Schriften 70, Innsbruck 1950) 3-60. - Leonhard Franz, Drei Alpenländische Depotfunde: Bergisel, Dercolo und Obervintl. In: Ammann-Festgabe II (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft 2, Innsbruck 1954) 157-160. - Reimo Lunz, Verschollene Bronzen aus Vintl, in: Der Schlern 47 (1973) 69-77. - Reimo Lunz, Studien zur End-Bronzezeit und älteren Eisenzeit im Südalpenraum (Firenze 1974) 162f.

 

Wolfgang Sölder