Chorgestühl, um 1516/17  

Chorgestühl, um 1516/17

 

Südtirol
Linde, H 337 cm, B 227 cm, T 114,5 cm
Wappenschilde bemalt, teilweise alte Fassung

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. P 994

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Das Chorgestühl weist drei Sitze hinter einer maßwerkgezierten Brüstung und vor einer hohen Rückwand auf, die in einen Baldachin mit filigranem Auszug endet.

 

Die Sitze sind durch fensterartige, maßwerkbesetzte Wandteile getrennt. Die Seitentür weist eine Flachschnittornamentik auf. Im gewölbten Baldachinhimmel - im Maßwerk eingebunden - und an den unteren Enden der Baldachinpfeiler sind bemalte Schilde mit den Wappen Wolkenstein, Schlandersberg, Welsberg und Trapp angesetzt. Der Auszug ist aus floralem Maßwerk mit Weintrauben, Rosen und Kreuzblumen sowie reichem Rankenwerk und strengen, krabbenbesetzten Fialen geziert. Die Rosen weisen vielleicht auf das Wappen der Herren von Annenberg.

 

Das Chorgestühl stammt aus der Kapelle von Schloss Annenberg im Vinschgau. Die der hl. Anna geweihte Kapelle wurde 1516 südlich der Burg erbaut, das Netzrippengewölbe trägt die Jahreszahl 1516. Das Sakramentshaus ist 1517 bezeichnet, der ehemalige Altar (heute im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Inv.Nr. Gem 130) wurde von Sebastian Scheel 1517 signiert. Aufgrund der Entstehungszeit der Kapelle und der Ausstattung und der stilistischen Merkmale ist auch das Chorgestühl um 1516/1517 zu datieren. Von der ehemaligen Einrichtung kamen noch zwei Statuen der hl. Maria und des hl. Johannes sowie ein Tafelbild der hl. Katharina ins Ferdinandeum. Über die Sammlung Figdor, Wien, gelangten Möbel in das Österreichische Museum für angewandte Kunst nach Wien, Türrahmen aus Marmor und die Kapellentüre sind im Schloss Matzen bei Brixlegg erhalten.

 

Über Initiative des Statthalters Grafen Brandis kam das Chorgestühl ins Ferdinandeum (EB 1870, Nr. 2). In den folgenden Jahren betrieb man vor allem die Restaurierung des Altares: Nachdem das Gesuch vom 12. März 1873 (MA 1873, 39, 281) um Restaurierung unter Bezug auf den Besuch des Kaisers vor zwei Jahren (1871) und die Beachtung des vom Museum erworbenen Altares aus Schloss Annenberg mit Schreiben vom 20. März 1873 abgelehnt wurde - "da die Restaurir-Schule vollauf mit der Restaurirung von vielen hundert Bildern überhäuft ist ..." (MA 1873, 305) - wurde der Altar 1884 vom Münchner Restaurator Hauser um 300 Mark restauriert (MA 1884, 154).

 

Der Annenberger Dreisitz zählt zu den schönsten Chorgestühlen der Spätgotik und ist vielleicht mit dem in St. Zeno in Reichenhall erhaltenen Chorgestühl vergleichbar (Egg, 372).

 

Zusammen mit dem Altar von Sebastian Scheel bildet er in den Sammlungen des Ferdinandeums einen Glanzpunkt der späten Gotik und der beginnenden Renaissance.


Sebastian Scheel, Annenberger Altar, 1517. - Auch Teile der Annenberger-Bibliothek gelangten ins Ferdinandeum
(mehr dazu unter 1886).
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 130



Literatur
Vinzenz Oberhammer, Chorstuhl. In: Gotik in Tirol, Katalog Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1950 (Innsbruck 1950) 60, Kat.Nr. 163. - Erich Egg, Kunst in Tirol. Malerei und Kunsthandwerk (Innsbruck 1972) 372f. - Oswald Trapp (Hg.), Tiroler Burgenbuch I: Vinschgau (Bozen 1972) 174f.

 

Gert Ammann