Speckbacher und sein Sohn Anderl, 1869  

Speckbacher und sein Sohn Anderl, 1869

 

Franz von Defregger (Stronach 1835-1921 München)
Öl auf Leinwand, 96 x 123 cm
bez. re. u.: F. Defregger München 1869

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 422

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Speckbacher verbot seinem Sohn Anderl, am Ausmarsch teilzunehmen; Anderl schloss sich aber den Aufständischen an und begegnete, geführt von einem alten Schützen, seinem Vater im Quartier im Bärenwirtshaus zu St. Johann bei einer Lagebesprechung. Defregger gruppiert die Figuren in einem gestaffelten Raum. In gekonnter Komposition von Hell und Dunkel entwickelte Defregger kein Bild im traditionellen Sinn des Historismus, sondern das Thema wird zum Genrebild und charakterisiert Defreggers Auffassung von "Historienbildern". Die Gestalt von Speckbacher tritt erhaben vor der hellen Wand hervor, die Zweiergruppe des Alten und des Anderl - in Gleichschritt und betonter Parallelität - tritt aus dem Dunkel des Raumes ins Licht und erfährt in den im Gegenlicht der geöffneten Tür sich drängenden Schützen einen optischen Rückhalt.

 

Unter der Anleitung von Karl Theodor von Piloty hatte Defregger dieses Motiv bereits 1868 in einer Skizze vorbereitet. Dabei lag ihm wohl der literarische Text von Johann Georg Mayr, Der Mann von Rinn (Joseph Speckbacher) - Kriegsereignisse in Tirol 1809 (Innsbruck 1851) 216f, als Vorbild zugrunde.

 

Das Gemälde war zu Ostern 1869 im Landhaus zu Innsbruck ausgestellt, als Defregger das tirolische Künstlerstipendium zukam. Auf der internationalen Kunstausstellung in Wien 1869 und auf der Münchner Kunstausstellung des gleichen Jahres fand das Gemälde große Anerkennung und begründete den Ruhm des Malers, wie zeitgenössische Berichte vermerken.

 

Das Ferdinandeum konnte das Gemälde am 2. April 1869 erwerben. Der Ausschuss hatte einstimmig für den Ankauf plädiert (Umfrage am 2. April). Der Kaufpreis von 1200 Gulden wurde in zwei Raten am 5. Juni und am 3. Dezember 1869 an Defregger bezahlt (MA 1869, 169). Das Vervielfältigungsrecht war inbegriffen, da der Kunstverein am Ferdinandeum Kopien als Vereinsblätter auflegen wollte (MA 1869, 53). Der Verwaltungsausschuss hatte mehrfach verboten, Reproduktionen oder Fotografien nach dem Gemälde anzufertigen, so dem Fotografen Bopp und der Kunsthandlung Czichna (5. April 1869). Aus dem Schriftverkehr wurden bereits Unklarheiten wegen der Vervielfältigungsrechte evident.

 

Das Gemälde Defreggers ist nicht nur sein erstes "Historienbild", sondern zählt zum hervorragenden Bestand dieses Genres in der Galerie des 19. Jahrhunderts. Mathias Schmids "Vertreibung der Zillerthaler Protestanten im Jahre 1837. Letzter Blick in die Heimat" (1877, zu diesem Gemälde Schmids siehe unter 1990) und Defreggers "Andreas Hofers Abschied" (um 1878) sind dabei zentrale Motive.


Albin Egger-Lienz, Kopie des Selbstbildnisses Franz von Defreggers, 1894
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 1486
Mehr zu Albin Egger-Lienz unter 1928 und 1942



Literatur
Adolf Rosenberger, Defregger. In: H. Knackfuß (Hg.), Künstler-Monographie XVIII (Bielefeld-Leipzig 1897) 12. - Heinrich Hammer, Franz von Defregger (Innsbruck 1940) 18f. - Hans Peter Defregger, Defregger 1835-1921 (Rosenheim 1983) 280. - Gert Ammann / Michael Forcher, 1809. Der Tiroler Freiheitskampf in Bildern von Franz v. Defregger und Albin Egger-Lienz (Meran 1984) 48-51. - Gert Ammann, Speckbacher und sein Sohn Anderl. In: Franz von Defregger und sein Kreis, Katalog Tiroler Landesausstellung Lienz 1987 (Innsbruck 1987) 79-82, Nr. 5. - Gert Ammann, Speckbacher und sein Sohn Anderl. In: Antikensehnsucht und Heimatsuche. Meisterwerke des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck, Katalog Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlung Vaduz 1994 (Innsbruck 1994) 86f.

 

Gert Ammann