Dioskurenstein  

Dioskurenstein

 

Mitte 2. bis frühes 3. Jahrhundert n. Chr
Lienz, in der Nähe von Schloss Bruck
Weißer, kristalliner Marmor
H 84 cm, B 70 cm, T rechts 45 cm, T links 34 cm

Vor- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Sammlungen, Inv.-Nr. U 18.574

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Der Marmorblock trägt auf der Vorderseite und auf der rechten Schmalseite Reliefs. Die Vorderseite zeigt einen frontal dargestellten Dioskur, der vor seinem Pferd steht. Der Jüngling ist nackt, auf seinem Haupt trägt er einen kaum mehr erkenntlichen Pilos, darüber steht ein fünfzackiger Stern. Über seine linke Schulter fällt ein kleines Mäntelchen, mit der Linken hält er die Lanze, mit der Rechten wird das Pferd am Zaum gehalten. Der Dioskur steht auf einer Basis mit eingezogenen Seitenflächen, von der Art, wie sie auf norischen Reliefs sehr häufig vorkommt. Das Bildfeld ist von einem profilierten Rahmen eingefasst, den oberen Abschluss bildet eine einfache schwungvolle Rahmung (so genannte norische Volute). Das Relief der rechten Schmalseite zeigt eine stark verwitterte nackte nach vorne gebeugte Frau mit einem großen Haarknoten. Ihre linke Hand fasst das Ende eines zwischen den Beinen durchgezogenen Mantels, die Rechte hält einen heute nicht mehr identifizierbaren Gegenstand. Auch sie steht auf einer Basis, und das Bildfeld ist ebenso von einem profilierten Rahmen eingefasst.

 

Schon 1974 konnte Walde nachweisen, dass es sich nicht um einen Altar, sondern um einen Eckblock von einem größeren Grabbau handelt, wie auch die vorhandenen Dübel und die unverzierte linke Schmalseite beweisen.

 

Die Deutung des Jünglings als Dioskur, der in der römischen Grabplastik als segenbringende Gottheit zu verstehen ist, blieb immer ohne Widerspruch, schwieriger ist jedoch die Benennung der weiblichen Figur: Wurden anfangs noch Venus und Helena vorgeschlagen, so sieht man heute in der Figur eine Mänade (Heger, 30; Walde 1990, 306; Walde und Feil). Die Schwierigkeiten bei der Benennung ergeben sich durch die in römischen Werkstätten verwendeten Musterbücher, die eine gemeinsame Vorlage von Bildtypen für verschiedene Zwecke verwenden. Als Teilnehmer am dionysischen Thiasos werden die Mänaden in der römischen Grabplastik als Hinweis auf die Todesüberwindung und die Hoffnung auf Wiedergeburt verstanden.

 

Der Stein wurde bereits im 17. Jh. im "Robbat Acker des Baumann" unterhalb des Schlosses Bruck bei Lienz ausgeackert und war bis 1864 als Stütze an einer Stiege des Schlosses eingemauert. Am 23. Februar 1865 (EB 1865) wurde er für das Tiroler Landesmuseum erworben.

 

Tirol besitzt nur wenige Zeugnisse römerzeitlicher Grabplastik. Der Dioskurenstein gehört zu den bedeutendsten Grabdenkmälern der Austria Romana und ist trotz der Bestoßungen einer der schönsten Römersteine aus Tirol, der sich durch hervorragende Qualität auszeichnet.


Literatur
Antonius Roschmann, Inscriptiones et alia diversi generis Romana per omnem Tirolim monumenta (1756) 395-397; Abb. 393. Manuskript, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Bibliothek, Dip. 1333. - Elisabeth Walde, Ein Jupiteraltar? Bemerkungen zum sogenannten Dioskurenstein aus Schloß Bruck bei Lienz, in: Tiroler Heimatblätter 49 (1974) 113-119. - Elisabeth Walde, Nochmals zum Dioskurenstein aus Schloß Bruck bei Lienz, in: Tiroler Heimatblätter 52 (1977) 32-34. - Norbert Heger, Die Skulpturen der Stadtgebiete von Aguntum und Brigantium. In: Corpus Signorum Imperii Romani, Österreich III, 4 (Wien 1987) 29-30, Nr. 14; Taf. 8. - Elisabeth Walde, Der Traum vom ewigen Leben, Symbole der Todesüberwindung in der römischen Grabplastik Österreichs, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 70 (1990) 299-320, bes. 302-306; 308 Abb. 8, 313 Abb. 12. - Elisabeth Walde / Dieter Feil, Funde aus Aguntum (Innsbruck 1995) Nr. 7.

 

Anton Höck