An Franz Schubert - Schwanengesang  

An Franz Schubert - Schwanengesang

 

Aus dem Nachlass Johann Chrysostomus Senn (Pfunds 1795-1857 Innsbruck)
Papier, jeweils 172 x 110 mm

Bibliothek, Inv.-Nr. W 5496 (weitere Nachlassteile unter W 5497-5502 und in der Nachlasssammlung)

Bild vergrößern ...

 


"Der Anfangs October 1857 zu Innsbruck verstorbene kk. pens. Lieutenant Johann Senn, der als lyrischer Dichter einigen Ruf besaß, hat, wie das Ferdinandeum sich bei dessen Ableben durch einen Abgeordneten überzeugte, mehrere literär. Arbeiten im Manuskripte hinterlassen, die für das tirol. Museum, da der Dichter ein Tiroler war, von wesentlichem Interesse sein müßten." Diese wurden "um den Preis von 8 fl. C.M. die den armen Verwandten Senns zu Gute kommen sollten, erworben, und dieser Nachlaß in einem eigenen Packet versiegelt, indem man dem Abgeordneten des Ferdinandeums bemerkte, daß die Aushändigung dieser Schriften an das Ferdinandeum keinem Anstand unterliegen dürfte." (MA 1860, 49; Briefkonzept, 20. März 1860). Da der Nachlass bis 1860 nicht übergeben worden war, fragte man nach. Als Grund für die Verzögerung nannte das Militärgericht (MA 1860, 63), dass der genannte Betrag noch nicht eingetroffen sei. Nach Erledigung dieser finanziellen Angelegenheit wurde der Nachlass umgehend ausgefolgt.

 

Der Ausschuss bewies mit diesem Kauf Weitblick und Mut, hält man sich die Lebensgeschichte Senns vor Augen: Der in Pfunds Gebürtige besuchte in Wien das Stadtkonvikt, wo er u. a. mit Franz Schubert zusammentraf, zu dessen Freundeskreis er auch später gehörte, widmete sich später den Rechtswissenschaften und gehörte einer - im Vormärz verbotenen - Studentenverbindung an. Als diese aufflog, wurde Senn "wegen Theilnahme an burschenschaftlichen Trinkgelagen u. wegen fanatischer Hinneigung zu den Hirngespinsten von Volksthum und Repräsentativ System" inhaftiert, obgleich man ihm nichts wirklich vorwerfen konnte, und "von hier [Wien] abgeschafft" und "zu Innsbruck unter polizeyliche Aufsicht gestellt" (zit. bei Enzinger, Zur Biographie, 176). Das Geben von Privatunterricht war ihm untersagt; zunächst verdingte er sich als Schreiber eines Advokaten. Als die Schulden wuchsen, ging er für einen Italiener, den das Los getroffen hatte, um 600 fl. zum Militär. Nach seiner Pensionierung besserte er sein "Ruhegehalt" durch Schreibarbeiten auf und suchte in seiner tristen Lage Trost im Alkohol. Zu Lebzeiten veröffentlichte er einen einzigen Gedichtband, der, aufgrund der prominenten Stelle, unmittelbar nach dem Einleitungssonett "Vorwort", des Gedichtes "An S. den Tondichter" (im Manuskript unter dem Titel "An Franz Schubert", s. Abb.), Franz Schubert gewidmet sein dürfte, der seinerseits zwei Senn-Gedichte, "Selige Sehnsucht" und "Schwanengesang" (op. 23, 2 u. 3), vertont hatte. Außer durch von Adolf Pichler und Moriz Enzinger getätigte Teilausgaben ist der Nachlass, der durch weitere private Spenden im Lauf der Zeit (1871 und 1878) angereichert wurde, des Dichters des "Roten Tiroler Adlers" weitgehend unbekannt!


Leopold Kupelwieser (1796-1862), Johann Chrysostomus Senn, 1820
Bibliothek, W 5184



Literatur
Johann Senn, Gedichte (Innsbruck 1838). - Adolf Pichler (Hg.), Glossen zu Göthe's Faust. Aus einem Nachlasse von Johann Senn (Innsbruck 1862). - Moriz Enzinger, Franz v. Bruchmann der Freund J. Chr. Senns und des Grafen Aug. v. Platen. Eine Selbstbiographie aus dem Wiener Schubertkreise nebst Briefen, in: Veröffentlichungen des Museum Ferdinandeum 10 (Innsbruck 1930) 117-379. - Moriz Enzinger, Zur Biographie des Tiroler Dichters Joh. Chrys. Senn, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 156 (Hamburg 1930) 169-183. - Ilija Dürhammer, Dioskuren im Schubert-Kreis. Senn, Bruchmann und Schober - das philosophische Triumvirat, in: Schubert durch die Brille (Mitteilungen des Internationalen Franz Schubert Instituts 19, Tutzing 1997) 65-80.

 

Ellen Hastaba