Zeugen jesuitischer Spieltradition  

Zeugen jesuitischer Spieltradition

 

Tragoedia. Oder Trawriger Außgang deß H. Sigismundi Königs in Burgund vnnd seines Sohns Sigerici (Innsbruck 1639; erste erhaltene datierbare Haller Perioche im Ferdinandeum)
Bibliothek, W 3519/30
Mamet celebi ... Das ist Bekehrung zum wahren Catholischen Glauben Mamet Celebi deß Amat Daj Königs zu Tunis ältisten Sohns (Innsbruck 1669; ältestes Beispiel aus dem 1858 übergebenen Konvolut)

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 572/5

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Das Erwerbungsbuch (EB 1858, "Miscellanen", 7) verzeichnet in diesem Jahr "93 verschiedene dramatische Stücke, die unter Leitung der Jesuiten in den Jahren 1669-1772 von den Schulern [!] des Innsbrucker Gymnasiums bei verschiedenen Anlässen aufgeführt wurden. Gesch. des hochw. Hrn David Moritz emeritirten kk Professors etc. [Imst 1781-1860 Innsbruck, u. a. 1822-1837 Religionslehrer am Innsbrucker Gymnasium] hier". Im gedruckten Jahresbericht wird richtiger von den "Programmen zu dramatischen Darstellungen" gesprochen, für die heute die Bezeichnung "Periochen" üblich ist. Sie beinhalten auf wenigen Seiten bisweilen ein den Sinn des Spiels erläuterndes "Argumentum", meist neben einer lateinischen eine deutsche Inhaltsangabe, manchmal die Texte musikalischer Einlagen und, für den Fall, dass diese zu mehr oder weniger eigenständigen Zwischenspielen ausgeweitet wurden, kurze Inhaltsangaben der einzelnen Szenen und schließen fast immer mit der namentlichen Nennung aller mitwirkenden Schüler. Aufgrund dieser Drucke, die oft für eine einzige Aufführung (ev. mit einer Wiederholung) - gespielt wurde jährlich meist zweimal, im Frühjahr und im Herbst - produziert wurden, war es auch den der lateinischen Sprache nicht mächtigen Zuschauern möglich, der Handlung zu folgen.

 

Zweierlei Ziele verfolgten diese Aufführungen in Jesuitenschulen, wobei andere Schulorden diesem Beispiel folgten: einerseits, aufgrund der gewählten Stoffe aus dem Alten Testament, der Heiligen- und Märtyrerlegende (später auch aus antiken, christlich interpretierten Vorlagen), ein religiös-propagandistisches, andererseits ein pädagogisch-didaktisches, mussten die mitwirkenden Schüler doch ihre rednerische und gesellschaftliche Gewandtheit auf der Bühne vor einem Publikum unter Beweis stellen. Nicht selten wurden auch Tanzmeister engagiert, die mit den jungen Darstellern Fechtszenen oder Tanzeinlagen einstudierten.

 

Die Bibliothek verwahrt eine Vielzahl solcher Periochen, die das Theaterspiel der Jesuitengymnasien in Innsbruck, Hall und Trient bis zur Auflösung des Ordens 1773 dokumentieren (ergänzt durch Beispiele aus Augsburg, Dillingen, Ingolstadt und Feldkirch). Im Vergleich der beiden Nordtiroler Spielorte fällt auf, dass Hall volkstümlicher war: Hier finden sich schon früh deutschsprachige Stücke; auch auf lokale Gegebenheiten nahm man Rücksicht, so stand 1621 Anderl von Rinn auf der Haller Bühne.

 

Solche Schulspiele beeinflussten das von den Tiroler Dorfgemeinden gepflegte Volksschauspiel wesentlich (mehr dazu unter 1931).


Erste erhaltene datierbare Trienter Perioche im Ferdinandeum: Momento dal qvale Depende l'Eternità ... (Trient 1632)
Bibliothek, W 3519/1



Literatur
Günter Zwanowetz, Das Jesuitentheater in Innsbruck und Hall von den Anfängen bis zur Aufhebung des Ordens. Dissertation an der Fakultät für Grund- und Integrativwissenschaften der Universität Wien (Wien 1981). - Ellen Hastaba, Theater in Tirol - Spielbelege in der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 75/76 (1997) 233-343. - Ellen Hastaba, Vom Lied zum Spiel. Das Anderl-von-Rinn-Lied des Hippolyt Guarinoni als Vorlage für Anderl-von-Rinn-Spiele. In: Literatur und Sprachkunst in Tirol (Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Germanist. Reihe 55, Innsbruck 1997) 273-288. - Zu David Stephan Moritz s. vor allem: Constant von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich 19 (Wien 1868) 94f.

 

Ellen Hastaba