Bellifortis, Ingolstadt, um 1440  

Bellifortis, Ingolstadt, um 1440

 

Conrad Kyeser aus Eichstätt
Papierhandschrift, 310 x 210 mm, 180 Blätter, zahlreiche meist aquarellierte Federzeichnungen, zeitgenössischer rotbrauner Ledereinband, aufgeschlagen: Kampfszene unter Wasser: Zwei Froschmänner mit unterschiedlichen Taucheranzügen und Atmungsgeräten

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 32.009

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Am 23. Juni 1405 beendet Conrad Kyeser aus Eichstätt die Arbeit an einer Pergamenthandschrift, die das spätmittelalterliche kriegstechnische Wissen zusammenfasst und mit anschaulichen Zeichnungen prächtigst ausgestattet wird. Mehrfach in seinem Werk klingt der Hass gegen den Ungarnkönig Sigmund durch. Dieser schickte den Arzt und hochgebildeten Soldaten, der in den Reihen eines bayerischen Heeresaufgebotes in der Schlacht von Nikopolis (1396) gegen die Türken kämpfte, ins Exil, und zwar aufgrund seiner Flucht (vgl. fol. 156r, Vers 20: Ich habe damals fliehen wollen, deswegen sitze ich jetzt auf dem Strafbock). Kyeser widmet diese Handschrift dem deutschen König Ruprecht von der Pfalz und will sich, wie er dies im Vorwort mit ungehemmter Klarheit ausdrückt, seinen Nachruhm sichern. In 10 Kapiteln beschreibt er Bliden, Kampfwagen, Mauerbrecher, Spannvorrichtungen für Armbrüste, Steinbüchsen, Raketen, Pulverrezepte; er stellt aber auch Techniken dar, die im zivilen Bereich Verwendung finden, wie z. B. Mühlen, Hebewerkzeuge, Badehäuser, Schiffe mit Schaufel- und Göpelantrieb. In den Erläuterungen zu den Abbildungen erkennt man, dass es dem Verfasser mehr auf Rhythmus und Reim ankommt als auf klare technische Beschreibung. Er geht lieber auf Zauberhaftes in der Verwendungsmöglichkeit einer Waffe ein als auf ihre Bauart und ihre Leistung.

 

Kyeser steht mit seiner Bilderhandschrift am Beginn einer Zeit, die durch die Innovation der Feuerwaffen geprägt wird. Er übernimmt aus dem "Liber Ignium" des Marcus Graecus den Teil, der sich mit der kriegerischen Verwendung des Feuers beschäftigt. Den Schluss bilden ein nach antiken Vorbildern verfasstes Totenlied, eine Grabinschrift und sein Porträt.

 

Beim Innsbrucker Codex handelt es sich um eine Abschrift der Pergamenthandschrift Kyesers, die in der Göttinger Universitätsbibliothek mit der Signatur Ms. philos 63 aufbewahrt wird. Aufbau und Kapiteleinteilung stimmen überein, trotzdem ist der Text unvollständig abgeschrieben und mehrfach verändert worden. Dem lateinischen Haupttext wurden deutschsprachige Passagen hinzugefügt (z. B. fol. 59r, 96v). Der sehr geschickte Zeichner der Innsbrucker Abbildungen hat kleinere Einzelheiten verändert. Seine Arbeit wird aber im Laufe der Zeit immer unvollständiger und hört schließlich ganz auf. Einen Anhaltspunkt zur Datierung bildet eine kirchliche Pergamenturkunde von 1442, die in den Einbanddeckel eingearbeitet wurde und mittlerweile freigelegt ist. Dieser Abschrift wurde auch eine acht Seiten umfassende Abhandlung angehängt, die als Ausschnitt des Werkes "Liber de ingeniis" des Philo identifiziert werden kann.


Bellifortis, Ledereinband über Holzdeckeln mit Metallknöpfen und -schließen
Bibliothek, FB 32.009



Literatur
Hermann Julius Hermann, Die illuminierten Handschriften in Tirol (Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich 1, Leipzig 1905). - Götz Quarg, Der Bellifortis von Conrad Kyeser aus Eichstätt 1405, in: Technikgeschichte 32/4 (1965) 293-323. - Julia Hörmann, Bellifortis. In: Eines Fürsten Traum. Meinhard II. - Das Werden Tirols, Katalog Tiroler Landesausstellung Stift Stams - Schloß Tirol 1995 (Dorf Tirol-Innsbruck 1995) Kat.Nr. 6.87.

 

Stefan Morandell