Codex Wangianus maior, 1344/45  

Codex Wangianus maior, 1344/45

 

Pergament, 425 x 300 mm (Großfolio), 260 Blätter, weißer, blind- und goldgeprägter Ledereinband über Pappe ohne Schließen, um 1835
aufgeschlagen fol. 82r: "Carta qualiter episcopus Girardus concessit capellam sancti Cosme de Grifenstein" (1230 Juli 28, Bischof Gerhard von Trient weiht die St.-Cosmas-Kapelle unterhalb der Burg Greifenstein bei Bozen und setzt unter Vorbehalt der pfarrlichen Rechte von St. Jenesien deren rechtliche Pertinenzen fest)

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 2091

Bild vergrößern ...

 


Die unter den Trienter Bischöfen Albert III. von Castel Campo (1184-1188) und Konrad von Beseno (1189-1205) zunehmend zerrütteten Finanz- und Besitzverhältnisse im Hochstift Trient veranlassten Bischof Friedrich von Wangen (1207-1218) zu einer systematischen Sammlung der für die Sicherung der kirchlichen Rechte wie für den Besitzstand seines Bistums wichtigen Urkunden und Wirtschaftsaufzeichnungen. Sie wurden 1215/18 großteils von der Hand des Notars Erzetus im so genannten "Liber sancti Vigilii" oder "Codex Wangianus minor" (heute im Archivio di Stato in Trient) kodifiziert. 1344 ermächtigte Bischof Nikolaus von Brünn (1338-1347) den Notar "Conradus natus Fridrici Greusseri civis de Monte Kuttis (Kuttenberg) in Boemia imp. auct. not. publ. et prefati domini episcopi scriba", eine von den Notaren Guillemus, Ivanus und Iulianus beglaubigte Abschrift dieses ersten Trienter Kopialbuches herzustellen, dem nunmehr auch die im Hochstiftsarchiv zwischenzeitlich angefallenen Urkunden angeschlossen wurden. Statt ursprünglich 225 Urkunden umfasste die Neukodifizierung, die Notar Konrad noch im Dezember 1345 vollendete, 316 Abschriften einschließlich späterer Nachträge bis 1389/90. Der erweiterte Umfang und die größere Reichhaltigkeit verschafften dem jüngeren "Codex Wangianus maior" eine gegenüber der älteren Vorlage weit höhere Geltung und machten ihn zum eigentlichen und für das Hochstift Trient lange Zeit rechtsverbindlichen Amtsbuch. Insofern bildet der "Codex Wangianus maior" wie keine andere zeitgenössische Quelle die Grundlage des Wissens um die Verhältnisse des Bistums Trient im Hochmittelalter.

 

Der noch im 18. Jahrhundert im bischöflichen Archiv zu Trient nachweisbare Codex gelangte offensichtlich im Zuge der Säkularisierung des Hochstiftes 1803 und der damit verbundenen Einziehung der Archivbestände nach Innsbruck (1805) in Privatbesitz und wurde 1827 von Alois Graf Reisach-Sternberg (1779-1861), seit 1816 Ober-Hof- und Landbaudirektor in Innsbruck und vom Ferdinandeum bestellter Direktor für das Fach Technologie, dem Museum zum Geschenk gemacht (JB 1827, 23).

 

Der "Codex Wangianus maior" ist die bedeutendste archivalische Handschrift des Mittelalters innerhalb der Sammlungen der Bibliothek.


Literatur
Rudolf Kink (Hg.), Codex Wangianus. Urkundenbuch des Hochstiftes Trient (Fontes rerum Austriacarum II/5, Wien 1852) (auszugsweise Edition). - Franz Huter (Bearb.), Tiroler Urkundenbuch. I. Abt.: Die Urkunden zur Geschichte des deutschen Etschlandes und des Vintschgaus 1: Bis zum Jahre 1200 (Innsbruck 1937) XLVIIf.

 

Martin Bitschnau