Oswald von Wolkenstein, Handschrift c  

Oswald von Wolkenstein, Handschrift c

 

nach 1445, vermutlich 1450-1470
Papier, 215 x 150 mm, 115 Blätter, einfacher Ledereinband über Holzdeckeln mit Leder-Messingschließe, aufgeschlagen fol. 8v/9r

Bibliothek, Inv.-Nr. FB 1950

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In der Generalversammlung am 28. April (MA 1825, 76) wurde zum ersten Mal ein Überblick über alle jene Gegenstände gegeben, die bis zu diesem Zeitpunkt ins Eigentum des jungen Vereins gekommen sind. Die Fülle ist umso erstaunlicher, bedenkt man, dass der Großteil davon Geschenke patriotisch Gesinnter waren. Unter dem Stichwort "Manuscripte" hieß es: "Von diesen sind dermalen mehrere Stücke vorhanden, worunter besonders Vogels tirolische Bergwerksgeschichte, Oswald Wolkensteins Gesänge und Gedichte, mehrere die tirolische Landesverfassung betreffende Schriften, und ein von Kaiser Ludwig dem Bayern gegebenes Gesezbuch (!) vom Jahre 1346, auf Pergament geschrieben, genannt zu werden verdienen." Somit befand sich die Handschrift mit Sicherheit 1825 im Ferdinandeum; das genaue Erwerbungsdatum ist unbekannt.

 

Johann von Vintler, seit 1824 Museumsmandatar in Bruneck, trennte sich von diesem zwar kleinformatigen, jedoch vom Inhalt her gewichtigen Codex. Die Dichtungen Oswalds von Wolkenstein (1377-1445) sind in insgesamt drei Handschriften überliefert: die älteste, A, verwahrt heute die Österreichische Nationalbibliothek, B - aufgrund des beigegebenen Porträts die bekannteste - seit 1889 die hiesige Universitätsbibliothek und eben c (deshalb Klein-c, weil sie - im Gegensatz zu den beiden Pergamenthandschriften A und B - auf Papier geschrieben wurde). Sie entstand sicherlich erst nach Oswalds Tod. Aus dem Besitz der Wolkenstein-Trostburger dürfte sie an die verschwägerten Vintler übergegangen sein.

 

Es handelt sich um eine Gebrauchshandschrift, die ausschließlich den Text - also ohne dazugehörige Noten - tradiert. Als erster intensiv beschäftigte sich Beda Weber ab spätestens 1829 mit ihr: Bis 1835 durfte er sie ausborgen; - ein Vorgang, der heute, die Bibliothek wird als reine Präsenzbibliothek geführt, undenkbar wäre! Für Weber wurde im Frühherbst 1834 sogar kurzfristig die Wiener Handschrift A ins Ferdinandeum geschickt. Da Vorstand di Pauli das "aus Wien requirirte Exemplar nicht aus den Händen geben" wollte (Wackernell, 154), wurde auf Kosten Webers durch den Wiener Antiquar Franz Goldhann eine seitengetreue Abschrift hergestellt (heute FB 2688/1).

 

Johann von Vintler vertrat nicht nur durch viele Jahre als Mandatar erfolgreich die Interessen des Ferdinandeums im Pustertal, fast jährlich stellte er sich mit eigenen Geschenken ein - so "Ein Gebethbüchlein in Versen, zugleich eine Legende vom heil. Oswald, wie derselbe des Königs Orones Tochter überm Meer erwarb, enthaltend. Sehr interessante Originalhandschrift aus dem 14. Jahrhundert" (JB 1845, XXXVIII; heute FB 1114) -, oder er vermittelte solche, wovon die Akten bis einschließlich 1858 beredtes Zeugnis ablegen.


Peter Fendi (1796-1842), Oswald von Wolkenstein, Illustration in Hormayrs "Taschenbuch für die vaterländische Geschichte", 1824
Bibliothek, W 3202 (bzw. W 19.578)



Literatur
Beda Weber, Die Gedichte Oswalds von Wolkenstein. Mit Einleitung, Wortbuch und Varianten (Innsbruck 1847). - J[osef] E[duard] Wackernell, Beda Weber 1798-1858 und die tirolische Litteratur 1800-1846 (Quellen und Forschungen zur Geschichte, Litteratur und Sprache Österreichs und seiner Kronländer IX, Innsbruck 1903). - Hans Moser / Ulrich Müller / Franz V. Spechtler, Oswald von Wolkenstein. Abbildungen zur Überlieferung II: Die Innsbrucker Wolkenstein-Handschrift c. Mit einem Anhang zum "Wolfenbütteler Porträt" und zur Todesnachricht Oswalds von Wolkenstein von Hans-Dieter Mück (Litterae. Göppinger Beiträge zur Textgeschichte 16, Göppingen 1973). - Oswald von Wolkenstein. Handschrift A. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex Vindobonensis 2777 der Österreichischen Nationalbibliothek. Kommentar von Francesco Delbono (Graz 1977).

 

Ellen Hastaba