Vertreibung der Zillerthaler Protestanten im Jahr 1837. Letzter Blick in die Heimat, 1877  

Vertreibung der Zillerthaler Protestanten im Jahr 1837. Letzter Blick in die Heimat, 1877

 

Mathias Schmid (See 1835-1923 München)
Öl auf Leinwand, 106,5 x 172 cm
bez. re. u.: Mathias Schmid München 1877

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. Gem 3718

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Seit den Zeiten der Reformation hatten sich in den Zillertaler Gemeinden Zellen mit "Inklinanten", wie die evangelisch Gesinnten genannt wurden, gebildet. Um 1830 gab es etwa 600. Trotz Berufung auf das Toleranzpatent von 1781 erhielten sie bei der Vorsprache bei Kaiser Franz in Innsbruck keine Zustimmung zur Bildung einer eigenen Kirche. Die Entschließung von 1834 blieb aufrecht: Der Verbleib der Protestanten war ausgeschlossen, die Auswanderung in "akatholische" Gemeinden aber möglich. Am 12. Jänner 1837 wurde von Kaiser Ferdinand die Auswanderung aller Inklinanten nach genauem Reglement verordnet. Nach einem Bericht des Kreishauptmannes von Gasteiger waren 385 Personen, nach den landesgerichtlichen Verzeichnissen 416, bereit zur Auswanderung. Sie fanden eine neue Heimat in Oberschlesien.

 

Schmid hat die Interpretation des historischen Geschehens aus der pathetischen Historienmalerei heraus zu einer wirklichkeitsbedingten Ereignisschilderung geführt. Er bindet den Abschied von der Heimat in die topographische Realität des Zillertales bei Brandberg ein, breitet den Akteuren eine Naturbühne vor der steilen Felswand in der linken Bildhälfte aus und lässt den Blick auf den im Tal liegenden Kirchweiler zu. Der Menschenzug ist nicht Staffage, sondern zum Motivträger geworden. In den Gesichtern spiegeln sich subtil variiert die physiognomischen Facetten des Abschieds, der Trauer, der Resignation und der Wehmut. Schmid gelang es in hohem Maße, die Charakterisierung der Gemütszustände differenziert wiederzugeben. Die Schilderung ist realitätsbezogen, weniger eine Provokation in der sonst in seinem Werk spürbaren Konfrontation mit der Obrigkeit. Dem Ereignis wird keine Heroik, keine Dramaturgie zugrunde gelegt, vielmehr dominiert das menschliche Schicksal in der Tragik der Situation.

 

Adolf Pichlers Gedicht "Die Vertreibung der Zillertaler" ist von einer heroischen Klangfarbe getragen und stand kaum als literarisches Vorbild Schmid vor Augen. Nach Aussagen von Schmids Tochter, Rosa Schmid-Göringer, gab aber das Gemälde die Anregung für Karl Schönherrs Drama "Glaube und Heimat", das, so der Theaterzettel, in der "Zeit der Gegenreformation in den österreichischen Alpenländern" spielt.

 

Das Gemälde ist neben Franz von Defreggers "Speckbacher und sein Sohn Anderl" ein markantes, frühes Beispiel des Historienbildes in den Sammlungen des Ferdinandeums.


Mathias Schmid (1835-1923), Lithographie nach einer Photographie


Franz von Defregger (1835-1921), Speckbacher und sein Sohn Anderl, 1869
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. Gem 422



Literatur
Friedrich von Boetticher, Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts II/2 (Leipzig 1901, Auflage 1941) 588, Nr. 17. - Neumeister Auktionskatalog 249 (München 1988) Kat.Nr. 595, Tafel 10. - Gert Ammann, Mathias Schmid: Vertreibung der Zillerthaler Protestanten im Jahr 1837. Letzter Blick in die Heimat. Zur Geschichte und Interpretation, in: Festschrift für Erich Egg zum 70. Geburtstag (Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 70, 1990) 9-20. - Petra R. Luger, Mathias Schmid (1835-1923). Phil. Diss. (Innsbruck 1996) 80-83, 303ff, Kat.Nr. G 069.

 

Gert Ammann