Engel, 1456/59  

Engel, 1456/59

 

Hans Multscher (Reichenhofen um 1400-1467 Ulm), Werkstatt
Weide?, H 92,5 cm, innen gehöhlt, vollrund, Reste alter Fassung, beide Hände 1947 ergänzt

Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.-Nr. 615

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Der Engel steht frontal, der Körper ist leicht nach links (vom Betrachter aus gesehen), der Kopf nach rechts gedreht. Die Hände trugen ursprünglich vermutlich Leidenswerkzeuge und sind in Hüfthöhe seitlich vor den Körper gehalten; durch die Verschiebung der Schulterhöhe sind auch die Arme unterschiedlich in der Höhe positioniert. Der Engel ist mit einer bodenlangen Alba bekleidet. Die Alba ist um die Hüften gegürtet und leicht überfallend, am Boden staut sie sich in leichten Knickungen. Über der Alba trägt er eine vor der Brust gekreuzte Stola, deren Bänder wellig am Unterkörper anliegen. Der Blick der Augen ist weit geöffnet, die Mundwinkel in trauernder Miene nach unten gezogen. 1947 hat der Münchner Bildhauer Böhm beide Hände nach dem Entwurf von Bildhauer Gottfried Zimmermann in München neu geschnitzt. Als Gegenstück ist ein Engel (Inv.Nr. P 852) in den Sammlungen des Ferdinandeums erhalten. Beide Engel standen sichtlich im Gesprenge des Sterzinger Hochaltares, den Hans Multscher mit seinen Werkstattmitarbeitern im Auftrag der Stadt Sterzing 1456-1459 gefertigt hatte. Die Zuweisung an einen Werkstattmitarbeiter Multschers (Meister der Sterzinger Predellenbüsten) hat Müller, 128f, vorgenommen. Rasmo, 42, weist beide Engel verschiedenen Schnitzern zu. Söding, 30, nennt den Engel mit Flügel als Werk des Schnitzers der Erbärmdegruppe.

 

Die Erwerbungsbestrebungen ziehen sich von 1950 bis 1951 hin. Der Besitzer der Skulptur war Dr. Veh (Bundesbahnpräsident von Bayern) in München. Für den Kauf durch das Ferdinandeum war Theodor Müller vom Bayerischen Nationalmuseum behilflich. Die Statue wurde im Tausch des Gemäldes "Madonna mit Kind" von Gentile da Fabriano und des Triptychons "Kreuzigung" von Lorenzo Veneziano (Guariento?) erworben (MA 1951, 101). Diese beiden Kunstwerke hatte der Münchner Kunsthändler Thon im Ferdinandeum ausgesucht und Dr. Veh als Tauschobjekte vorgeschlagen. Für die Zollformalitäten bedurfte es einer Rechnung über DM 4000. Am 30. Mai 1951 ist die Skulptur des Engels im Ferdinandeum eingetroffen.

 

Zusammen mit dem Engel als Gegenstück und den drei Skulpturen der Maria, des Johannes und des Ecce homo (Leihgaben des Kunsthistorischen Museums Wien, Sammlungen auf Schloss Ambras) sind wesentliche Teile des figuralen Bestandes aus dem Gesprenge des Sterzinger Hochaltars in den Sammlungen des Ferdinandeums. Diese Werke von Hans Multscher (Werkstatt) vermitteln jene Bildsprache, die als Ausdruck des bürgerlichen Realismus in der Mitte des 15. Jahrhunderts richtungweisend im süddeutschen Raum und für die Gotik in Tirol war.


Hans Multscher, Engel vom Sterzinger Hochaltar, 1456/59
Kunstgeschichtliche Sammlungen, Inv.Nr. P 852



Literatur
Theodor Müller, Ein Beitrag zum Sterzinger Altar. In: Festschrift für Hans Jantzen (Berlin 1951) 128ff. - Nicolò Rasmo, Der Multscher-Altar in Sterzing (Bozen 1963) 27, 42, Abb. 52, 53. - Manfred Tripps, Hans Multscher. Seine Ulmer Schaffenszeit 1427-1467 (Weißenhorn 1969) 149f, Abb. 192. - Ulrich Söding, Hans Multscher. Der Sterzinger Altar (Bozen 1991) 30, Abb. 37-39. - Michael Roth / Elisabeth Krebs, Engel mit Flügeln. In: Hans Multscher. Bildhauer der Spätgotik in Ulm, Katalog Ulmer Museum Ulm / Württembergisches Landesmuseum Stuttgart 1997 (Ulm 1997) 385f, Kat.Nr. 46d.

 

Gert Ammann